Er hatte schon lange hier gestanden und auf sie geharrt, sie hatten sich nur nicht gesehen in der strömenden Menschheit. Sie preßten sich jetzt die Hände, froh, sich wiedergefunden zu haben. Er war heiß und erregt und froh wie sie. Er hatte ja gut gesprungen, er war so gewiß, daß der Heilige ihn gehört hatte. Im Schatten der Kirche, in einem Winkelchen, zog er sie an sich. Sie ließ sich gern streicheln – heiliger Willibrord! Der segnete sie heut.
Sie flüsterten, sie tuschelten, die Wangen nah zu einander geneigt. »Biste müd?« fragte er zärtlich.
Sie verneinte lachend. Oh nein, müde war sie nicht, nur ein Beben in den Knieen war ihr geblieben, ein Rieseln durch den ganzen Leib.
Er trug ihr den Dores, sie hatte sich in seinen anderen Arm eingehenkt. Ihr Herz war so leicht, so voll seliger Lust: nun war es vorüber, es war geschafft! Aber noch einmal hätte sie springen können, so frisch war sie jetzt. Sie schwatzte in aufgeregter Heiterkeit; auf ihren Wangen flammten zwei Rosen. Soviel hatte sie sonst nicht in Wochen gesprochen, die Worte sprudelten ihr vom Mund, sie war eine andere. Fromme Gedanken und Gedanken der Lust rüttelten ihr die Sinne. Zum Markt, zum Markt!
Er wollte ihr etwas kaufen. Glückstrahlend nahm sie von ihm ein Pfefferkuchenherz; sie aß die Hälfte, er aß die Hälfte, nun waren sie wie verlobte Leute, nichts konnte sie trennen. Aber weiter wollte sie nichts von ihm annehmen, er hatte ja auch nicht viel, sie mußten doch heute noch leben. Heute, nur heute noch; an das Morgen dachte keines von ihnen beiden. Heut war der große Tag, der größte ihres Lebens vielleicht – was ging sie das Morgen an?
Auch an Heimat oder Heimkehr dachte jetzt Bäreb nicht; die Stunden flogen, es ging auf den Abend schon. Aber keine Kühlung war zu finden in der Stadt des heiligen Willibrord; noch dunsteten die Gassen, die Pflastersteine sprühten die Hitze aus. Bier um Bier schüttete sie hinab, es löschte den Brand nicht. Er hatte sie auf dem Karussell fahren lassen, hoch vom sich bäumenden Schimmel lachte sie herunter zu ihm und dem Dores, der auch hinauf wollte und die Ärmchen ausstreckte: »Pä, pä!« Zuletzt, damit der Kleine nicht gar zu sehr weinte, gingen sie fort mit ihm; ihr war ohnehin schwindelig.
Wie von geheimer Beängstigung getrieben, lenkten sie ihre Schritte in entlegenere Gäßchen; zwischen dunkelnden Mauern küßten sie sich. Und dann gingen sie weiter und weiter dem Parke zu. Noch war er nicht geschlossen. Ah, hier war Kühlung! Lechzend vor Glut, die Nasenflügel gebläht, mit offenen Lippen traten sie ein.
Aber hier unterm dichten Laubdach war’s doch auch stickig – oder war ihnen, nur ihnen allein so verbrennend heiß?!
Der Dores wollte schlafen, er verdrehte die Äugelchen schon und sagte kein ›Pä‹ mehr. Sie mußten ein Plätzchen suchen; und wenn sie auch hier eingeschlossen wurden, was schadete das? Waren sie nicht zu zweien? Klas war noch nicht hier gewesen, sie zeigte ihm die weißen Frauen im Gebüsch, die nackten Leiber der Nymphen, und er verwunderte sich. Was taten die hier? Ah, hier war’s mal schön!
Von der Stille und der Einsamkeit kühn gemacht, umschlang er sie heftig. Den Dores legten sie in das Gras. Fern grollte ein Donner, sie hörten ihn nicht. Die Bäume waren so hoch, das Dickicht stand so dicht, die Stimmen des Himmels durchdrangen nicht das grüne Gewirr des Gartens.