Und rings erhob sich ein Schlagen der Nachtigallen in den dunkelnden Büschen, ein Locken und Schmettern, ein triumphierendes Lied, das alles andere verdeckte. Es versetzte sie in Entzücken. Sie hatten beide bisher nie solchen Vogel gehört; in der Eifel gibt’s keine Nachtigallen. Sie lauschten, im Grase sitzend, unweit des schlafenden Kindes, die Arme sich um die Schultern legend; beide bleich im wachsenden Dämmerlicht, und in der immer und immer wachsenden inneren Benommenheit. Achtzehn Jahr, und soviel gebetet, und so weit hergekommen, und soviel gesprungen, und nun endlich die erste selige Rast!
Betäubend rochen Jasmin und Flieder, die schwüle Nacht hatte alle Blüten erschlossen; von dem Lindenbaum kam es wie Fluten von Duft, aus der Erde stieg es wie Opferrauch.
Sie taumelten auf – heiliger Willibrord! Ah, sie hatten schon geträumt. Sie wehrten sich gegen eine erschlaffende Mattigkeit, sie taumelten weiter. Da war der Pavillon. Schwül ward es um sie, immer schwüler. Da drinnen mochte es besser sein! Ferne Blitze leuchteten ihnen und die hunderte von Glühwürmchen im verlassenen Park.
Horch, jetzt ein Donnerschlag! »Heiliger Willibrord!« Erschrocken barg Bäreb ihren Kopf an des Beschützers Brust.
Aber sie flohen doch nicht. Süß lächelte über ihnen, aus der zerfallenen Kuppel herab, die Göttin der Liebe.
Die kannten sie noch nicht. – – –
IX
Dem ›Weißen Schwan‹ hatten die Pfingsttage keinen geringen Trubel gebracht. Seit die Automobile aufgekommen waren, schien es bei den Belgiern Mode geworden, von Verviers über die Baraque in sausendem Tempo über Heckenbroich bis hinunter zur Kreisstadt zu fahren. Gegen diese Geschwindigkeit konnten selbst die Herren Offiziere in ihrem Krümperwagen nicht an, und wenn die Burschen noch so auf die Pferde peitschten.
Leykuhlen hatte während des Festes viel Ärger gehabt. Nicht nur, daß tagsüber das Gerassel in einem fort abwärts ging, auch nachts fand er vorm Rollen der Räder, vorm Rumoren der Heimkehrenden, vorm Hallo der Angeheiterten, vor ihrem lauten Sprechen und Durcheinanderschreien und vor dem huschenden Laternenschein nicht Ruhe. Oder quälte ihn etwas anderes so, daß er nicht schlafen konnte? Wenn er die Kirche ansah, ärgerte er sich erst recht. Noch war kein endgültiges Ergebnis der Wasseruntersuchung eingetroffen – nun, sie würden ja auch nichts finden, das Heckenbroicher Wasser war gut!
Er verschloß seine Ohren, wenn er hörte, daß nachts an den Brunnen hantiert wurde; die Eimer rappelten, die Kette, die sie heraufzog, klirrte, die verrosteten Angeln der Tür quietschten. Wer konnte es den Leuten verdenken, daß sie sich heimlich ein paar Eimer voll ins Haus holten, um nicht am Festtag das Wasser so weither schleppen zu müssen?! Zudem war es sehr warm; es drohte ein heißer Sommer zu werden, und ein heißer Sommer heißt ein trockener fürs Vennland.