Es waren selten klare und warme Pfingsten. Sonst hatte man immer noch den ganzen Tag heizen müssen, diesmal bedurfte es nur am Morgen eines leichten Feuerchens. Die Mittage waren auch hier oben schon heiß, doppelt heiß erst unten im Städtchen.
Der Kellner und der Aushilfskellner, der Hausknecht und die Magd im Schwan konnten nicht genug Getränke herzuschleppen. Wer Selters verlangte, dem machte die schöne Wirtin ein unfreundliches Gesicht, selbst Bier schenkte sie nicht gern aus. Wein: Moselwein, Rheinwein, Bowle und Sekt; so war sie’s von ihren Stammgästen, den Herren Offizieren, gewohnt. Einen kleinen Chartreuse, einen echten Cognac oder Benediktiner hinten nach, das ließ sie auch gelten. Es waren Erdbeeren aus Metz zur Bowle gekommen und französische Treibhauspfirsiche, in Watte verpackt. O, die kostbaren Früchte wurde sie schon alle los, darum war ihr nicht bange! Sie hatte sich zum Pfingstfest in Aachen ein neues Kleid machen lassen, bei einer guten Schneiderin mit Brüssler Geschmack; sie konnte doch hier nicht in dem Nest schneidern lassen, wenn der Heinrich Schmölder auch die Geschmacklosigkeit besaß, seine Tochter solche Kleider anziehen zu lassen. Wie er die Kleine verschimpfierte! Und die sollte nun bald die Braut des eleganten von Scheffler sein?!
»Hihi!« Die schöne Helene lachte hinter Schmölder her, der, wie fast täglich, beim Frühschoppen bei ihr gesessen und ihr sein Herz ausgeschüttet hatte. Der Scheffler, der würde das Geld schon unter die Leute bringen! Sie wußte nicht recht, warum sie das dem Heinrich eigentlich gönnte. Er war doch ihr ältester Freund, er hatte ihr schon die Backen gekniffen, als sie noch in die Schule ging. Sie zuckte die Schultern, die unter dem neuen schwarzen Kleid, das dünn wie ein Flor war, glatt und weiß in ihrer appetitlichen Fülle durchschimmerten. Ihr Rock, auf Seide gearbeitet, rauschte und raschelte; sie lehnte die Arme auf das rote Kissen im geöffneten Speisesaalfenster und gaffte ihrem langjährigen Verehrer nach. Hm, der Heinrich wurde alt! Wie vorsichtig er zutrat, die Jagd machte ihn steif in den Beinen. Den Hut trug er in der Hand, es war ihm heiß, obgleich die Haare dünn waren. »Hihi!« Sie kicherte wieder. Warum saß er denn nicht in der Kirche bei seiner Frau und der Hedwig, da war’s ja hübsch kühl. Einen Bauch kriegte er auch, bah! Sie hielt eine grausame Musterung. Dabei zog sie die kurze Oberlippe noch kürzer herauf, daß man hinter dem feuchten Rot die spitzigen Zähne sah. Wenn der sich einbildete, daß sie ihn leiden möchte! So ein Alter! Immer hatte er etwas zu grämeln. Auf den Scheffler schimpfte er: »Ein Windhund!« Ja, ein Windhund war der, da mußte sie ihm recht geben, aber ein hübscher. Ein famoser!
Frau Helene nahm’s dem schönen Adjutanten weiter nicht übel, daß er von ihr abgeschwenkt war zu dem kleinen Goldfisch – so was wurde man mit der Zeit gewohnt – im Gegenteil, sie behielt immer eine gewisse Fürsorge für ihren früheren Verehrer. Warum wollte der Heinrich dem schneidigen Menschen denn eigentlich seine Tochter nicht geben? Na warte, sie würde die Sache mal in die Hand nehmen, sie würde es schon fertig bringen! Das hatte sie auch dem Scheffler versprochen.
»Warum willst du denn nicht?« hatte sie vorhin zu ihrem ältesten Freund gesagt und ihn mit ganz bösen Augen angeblitzt. »Bist du denn kein Windhund? Deine Frau redste wat vor, janz notwendig haste immer wat zu tun. Nach Ostende jehste auch nit mit, deine Jesundheit verträgt die See nit – haha – nu denn sitzte bei mir! Och du!« Sie zupfte ihn am Ohrläppchen. »Mach du dich nit mausig, lieber Mann!«
Er hatte auffahren wollen, aber eins, zwei, drei saß sie ihm auf den Knieen.
Sie waren allein im großen Speisesaal, in dem die Tische noch mit saucenbefleckten Tüchern vom vorhergehenden Abend gedeckt waren, und ganze Massen von Tellern und ungewaschenen Gläsern umherstanden. Es war noch nicht aufgeräumt. Wer sollte auch sonst wohl so früh kommen?
Heinrich Schmölder, der zu Hause jede kleinste Abweichung von der gewohnten Ordnung streng rügte, sah hier nichts von Unordnung. Er schmunzelte, als die flinken Finger der molligen Frau ihm auf dem Schädel herumkrabbelten. »Du kriegst en Jlatz!« sagte sie, spitzbübisch lachend.
Er wurde verlegen. »Laß, Lenchen, laß! Laß die Dummheiten!« Aber dabei hielt er sie doch fest; es kostete ihr Mühe, sich ihm zu entwinden. Ihr neues Kleid, das sich so prall über den Busen spannte, zog seine Blicke unwiderstehlich an; und auch seine Finger. Er war rot und heiß. Sie hatten in aller Frühe schon einer schweren alten Flasche Rheinwein den Hals gebrochen und einen Cognac vorabgeschickt.
»Wat sagste dann, wenn du nu nach Haus kömmst, woher du so heiß bist?« fragte sie boshaft und schlug ihm auf die Finger. Sie gab sich dann selber die Antwort, indem sie ihm nachäffte, wobei sie das Kinn und die Mundwinkel herabsinken ließ und die Stirn krauste: »Jeschäfte. Selbst am Sonntag hat man keinen freien Moment!«