Er wußte nicht, sollte er lachen oder böse werden. Lachen war das Gescheitere, so lachte er denn: in der Tat, so pflegte er zu seiner Frau zu sagen! Heinrich Schmölder war nicht ohne Humor; den hatten die Schmölders alle, dafür waren sie aus dem Rheinland gebürtig. »Frech Dingen,« sagte er schmunzelnd. Er betrachtete sie mit Wohlgefallen. Ja, das Lenchen! Wenn er daran dachte, daß er einmal seinen Frühschoppen ohne sie trinken müßte, konnte ihm jede Lust dazu vergehen; das ganze Nest war leer und öde ohne diesen lustigen Vogel. O, und Verstand hatte sie auch! Sie traf den Nagel auf den Kopf.
Die schöne Helene hatte nicht geflunkert, wenn sie behauptete, Heinrich Schmölder bespräche alles mit ihr. In der Tat war es so; sie gab an, was für Anordnungen in der Fabrik getroffen wurden – was für Bestimmungen im Hause getroffen wurden – ob Hedwig in Pension kommen sollte oder nicht in Pension – ob Frau Schmölder ins Bad reisen sollte oder nicht ins Bad – ob sie ein neues seidenes Kleid bekommen sollte oder keins – ob andere Kutschpferde gekauft werden sollten oder nicht – und jetzt endlich, ob Hedwig Frau Oberleutnant von Scheffler werden sollte oder nicht.
»No, nu mal ernsthaft, Lenchen, wat rätst du mir?« hatte Schmölder besorgt gefragt. »Man will doch nit seine einzige Tochter so wegjeben, sie nur jeheiratet sehen des Jeldes wegen! Man will sie doch jeliebt wissen, wirklich jeliebt!«
»Jeses, er liebt sie ja!« Sie schrie es lachend. »Du altes Schaf, er liebt sie ja, siehste dat dann nit?«
Nein, das hatte er nicht gesehen. Galant war Scheffler gegen die Hedde, aber das war doch noch keine Liebe!
»Lehr du mich die Liebe kennen!« schrie sie ganz erbost und lachte sich doch gleich darauf eins. Ja, dumm war der Heinrich noch lange nicht, er hatte es im Gefühl, daß es seinem Beutel galt. Aber wart, sie wollte ihn schon dumm machen! Beide Grübchenellenbogen, die der kurze Ärmel frei ließ, auf den Tisch stemmend, das Gesicht in die Hände stützend, so sich nahe, ganz nahe zu ihm hinüberneigend und ihm einen Blick zuwerfend, unter dem es ihm heiß wurde, sagte sie weich, fast träumerisch: »O, ich weiß, wat Liebe is! Und ich sag dir, der Scheffler liebt sie. Er hat sie janz schrecklich jern. Hier –« sie zeigte auf irgend einen Stuhl – »hier hat er jesessen, abends, als sie alle fortwaren, janz allein –«
»So – janz allein?« Er unterbrach sie eifersüchtig. »Und wo warst du?«
»Jott im Himmel, laß mich doch ausreden! Hier –« sie verfiel wieder in den vorigen pathetischen Ton – »hier hat er jesessen, janz allein, und hat jeseufzt, dat sich mir dat Herz im Leib erumjedreht hat. Wir waren müd, wir wollten jern zumachen. ›Herr von Scheffler,‹ sag ich zu ihm – er hört nit. ›Herr Oberleutnant,‹ sag ich zu ihm – er hört nit. Ich wurd schon kribbelig. ›Herr Adjutant‹ – er hört wieder nit. ›Herr Hauptmann‹ – da hört er endlich. ›Haben Sie Zahnping?‹ ›Nein!‹ Er wird janz rot. ›Herzping?‹ Ich hab ihn jenau beobachtet, ich wußt doch von dir die Jeschicht mit der Hedwig. Ich sag dir, man sah et ihm an, wie schlecht dat et ihm zu Mut war! ›Herzweh!‹ – er nickt. ›Ach, werte Frau, was bin ich so unglücklich!‹ Und dann legte er los, er hat mal ordentlich sein Herz ausjeschüttet. Nee, die Hedwig wär so reizend, so süß, und er möcht sich so schrecklich jern mit ihr verloben, et wär ihm so, als könnt jede Stund ’ne andere kommen, der sie ihm wegschnappt. Und sie wär ihm auch so jut, dat wüßt er wohl. Weißte dat dann, Heinrich?« – sie beobachtete den verdutzten Vater unter halb zusinkenden, blinzelnden Lidern – »wenn er sie ansieht, schlägt sie die Augen nieder, wenn er ihr die Hand drückt, drückt sie wieder, wenn er sie auf den Fuß tritt, tritt sie –«
»Dat is nit wahr,« brüllte Schmölder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser zu klirren anfingen. »Dat tut meine Tochter nit! Dat denkst du dir aus – dat tust du bloß!«
»No, denn – –!« Sie zuckte die Achseln; sie sah ein, sie hatte da etwas Dummes gemacht und zog geschwind wieder zurück. »Wat du dir auch jleich denkst,« schmollte sie, »wenn du mich nit ausreden läßt! Ich sag dir, er sprach so, als ob sie ’ne Engel vom Himmel wär! ›So jut, so rein, so unschuldig – riesig wohlerzogen‹ – ich sag dir, zum Heulen schön! Aber du, du wärst immer so jarstig zu ihm, so abwesend, so mißtrauisch, als wollt er dich bestehlen – und dann hat er jeweint!«