»Och, Dummheit! ’ne Mann, der weint, den mag ich nit,« sagte Heinrich Schmölder trocken. »Tränen – ich pfeif drauf! Da steckt nix hinter als die Angst: wie krieg ich meine Schulden bezahlt?!«
»Dat is aber jemein von dir!« Nun wurde sie wirklich böse: sollte all ihre Mühe an dem Dickkopf hier so verschwendet sein?! Wütend stieß sie gegen den Tisch, daß die geleerte Flasche herunterpolterte und auf der Diele zerklirrte. »Dann jeh wo anders hin, wenn du mir nit mehr jlauben willst – ich bin beleidigt.« Sie warf die Lippen auf und den Kopf in den Nacken. Ihr Kleid raschelte der Saaltür zu.
»Wat fällt dir denn ein, wat tu ich dir denn? Lenchen!« Er schrie hinter ihr her, sprang auf und wollte sie halten, aber sie war geschwinder. Fort war sie.
Erst als Schmölder gegangen war, unwirsch, unzufrieden mit sich selber und verstimmt über diesen unangenehmen Abschluß seines gewohnten Frühschoppens, war sie wieder zum Vorschein gekommen. Sie machte eine lange Nase hinter ihm drein: was der jetzt lief! Er wollte gewiß noch vor seiner Frau zu Haus sein! Sie lachte in sich hinein: als ob das was machte, wenn die es merkte, daß er hier bei ihr gesessen hatte! Freilich, zuerst hatte die sie geschnitten, den Kopf weggedreht, wenn der Weg sie am Schwan vorüberführte, aber nun –!
Die Glocken fingen an zu läuten, das Hochamt war aus. Helene blieb im Fenster liegen und ließ die Kirchgänger bei sich vorüber passieren. Alles mußte hier vorüber, das breite Eckhaus des Weißen Schwans beherrschte zwei Straßen, die beiden Hauptstraßen der Stadt; außer diesen gab’s nur noch ein paar winzige Gäßchen, durch die niemand ging. Die Wirtin vom Schwan bekam viele Grüße; da war nicht einer unter den Herren, der nicht den Hut gezogen hätte.
Auch der Landrat grüßte, ein wenig steif, ein wenig förmlich; wie immer korrekt. Sie errötete leicht – oh, sie konnte auch grüßen wie eine Dame, nicht nur nicken! Aber dabei stieß es sie inwendig vor Lachen: den hatte sie auch schon anders gesehen, nicht immer war er so unnahbar! Ein schöner Mann, ein feiner Mann. Wenn kein Militär oben lag, den langen Winter durch, war er die einzige Erholung!
Jetzt kam Frau Heinrich Schmölder vorüber. Aha, sie rauschte in Seide! Puh, wie nobel, aber doch kleinstädtisch! Die Blicke der beiden Frauen trafen sich. Jede zögerte einen Augenblick: wer mußte nun zuerst grüßen? Dann nickte die Besitzerin des Schwans und Frau Heinrich Schmölder nickte wieder, ganz gleichgültig – nein, nicht gleichgültig, recht freundlich, so daß Helene sich gedrungen fühlte, zu rufen: »Anjenehme Feiertage, Frau Schmölder!«
»Danke sehr, gleichfalls!«
Hedwig war nicht bei der Mama. Sie kam erst ein ganzes Weilchen später, sie war noch beim Konditor gewesen, um an die Rahmtorte für heute mittag zu erinnern. Ach, wer weiß, vielleicht machte ›Er‹ heute am Feiertage einen Besuch! Papa konnte ihn dann doch unmöglich hinauswerfen, Mama würde ihn sicherlich auffordern, zum Essen dazubleiben. Hedwigs rundes Kindergesicht war ein bißchen schmäler geworden; wenn sie sich in dem Spiegel sah, seufzte sie immer. Ach, er war doch so nett – warum Papa nur eigentlich durchaus nicht wollte? Onkel Josef war auch so eklig. Früher hatte sie ihn schrecklich gern leiden mögen, förmlich für ihn geschwärmt – er war doch so besonders, ganz anders wie Papa – aber nein, nun mochte sie ihn gar nicht mehr. Er hatte neulich zu Papa gesagt, als der so loswetterte über den unvermuteten Abendbesuch des Herrn von Scheffler: ›Du hast ganz recht, Heinrich. Diesmal bin ich deiner Meinung!‹ Wie scheußlich von Onkel Josef, ganz greulich, daß er nun auch noch gegen sie Partei nahm. Ach, lieben heißt leiden. Ach ja, alles war gegen ihre Liebe! Sie hatte schon so viele Tränen darum vergießen müssen.
Hedwig Schmölder glaubte oft, sehr unglücklich zu sein. Und dazu kam noch die Ungewißheitsqual: liebte er sie denn wirklich? Papa war so gräßlich verletzend, er sagte: ›Ach was, Liebe! Dein – will sagen, mein Geld hat er im Auge!‹ Und Onkel Josef sagte Ähnliches, wenn auch nicht ganz so grob; aber es schmerzte darum nicht weniger. Die Siebzehnjährige seufzte im strahlenden Pfingstsonnenschein, als sie niedergeschlagenen Blickes über das spitzige Pflaster der uralten Gasse schritt, im blaßblauen Kleid zarter erscheinend als sonst, zart wie die blaue Blume des Flachses im goldenen Korn, und blütenjung.