»Nanu, Hedchen?«

»Guten Tag!« Hedwig errötete. Eigentlich mochte sie die da, die aus dem Fenster so lustig auf sie herunterlachte, gar nicht leiden; aus verschiedenen Gründen nicht. Erstens war die immer so dreist – Onkel Josef hatte sie mal mit einem schrecklichen Wort benannt – zweitens war es eine Unverschämtheit, immer noch ›Hedchen‹ zu sagen, und drittens hatte Scheffler einmal gesagt: ›die schöne Frau im Weißen Schwan!‹ Schön, schön, die war doch nicht schön?! Und viertens – nun, viertens mochte sie sie überhaupt ganz und gar nicht leiden. Warum eigentlich nicht? Darüber wurde sich Hedwig nicht ganz klar, aber es stieß sie immer etwas zurück von der blonden Frau, die von aller Welt gekannt und eigentlich von aller Welt gut gelitten war. Aber heute konnte sie nicht mit knappem Gruß vorüber. Die Frau sah sie mit einer so bedeutungsvollen Miene an, als habe sie ihr etwas zu sagen. Wie bezwungen trat Hedwig dem Fenster näher, erwartungsvoll hob sie ihr junges Gesicht.

Helene lehnte sich weiter hinaus, das volle Weiß des Busens quoll fast zum Ausschnitt des Kleides heraus. »No, Hedchen, so traurig heut?«

Hedwig wurde rot, sie fühlte es und ärgerte sich über sich selber; unwiderstehlich schossen ihr Tränen in die Augen.

»No, no,« tröstete die andere, »man macht doch kein so ’n trübseliges Jesicht, wenn die Sonn so hell scheint! Hat der Papa als emal wieder jeschimpft? Laß doch den Alten reden – wat de will!« Sie schlug ein Schnippchen. »Jegen die Lieb is nix zu machen, die setzt doch ihren Kopf durch!«

»Meinen Sie?« Unsicher sah das junge Mädchen zu der Frau empor.

Jetzt lachte Helene spöttisch hell auf: war die noch dumm! Aber dann kam ihr die Gutmütigkeit: wahrhaftig, ein lieb Dingelchen, mit der würde der Scheffler grad machen können, was er wollte! Sie streckte ihre weiße Hand aus, an der die zwei Eheringe breit-golden glänzten, und streichelte das erwartungsvoll zu ihr aufgehobene Gesichtchen. »Besuch mich doch mal, Hedchen – pardon, besuchen Sie mich doch mal!« Sie lachte neckend: »Ich muß doch nu ›Sie‹ sagen, wenn eine bald Braut wird, nit wahr?«

»Ich – ich bin ja gar nicht bald Braut,« stammelte die Verwirrte.

Die lachende Frau gab ihr einen freundschaftlichen Nasenstüber: »Tu dich nit so, mir macht ihr kein X für ’n U. Ich weiß Bescheid. Ich kenn doch den Scheffler als lang jenug – de brennt lichterloh!«

Hedwig stockte der Atem: war das wahr, wirklich wahr, liebte er sie wirklich so sehr? Ein freudiger Schreck durchrieselte sie. Sie fragte nicht, woher die blonde Frau das wußte, es fiel ihr auch gar nicht ein, sich darüber zu wundern. Glückselig, von einem Rosenschimmer überstrahlt, der ihr unbedeutendes Gesichtchen verschönte, sagte sie leise: »Ist das auch wirklich wahr?«