Wo’s not tat, griff Frau Helene, sie, die sonst so träge war, selber mit an; heute galt’s. Das war eine Ernte, nicht nur an Geld, nein, auch an bewundernden Blicken. Mit ihren schönen Armen hob sie eine Schüssel, reichte sie über Tische und Stuhllehnen und trug sie, ein wenig erhoben, trotz ihrer Schwere. Sie fühlte es, daß sie sich so gut machte, und das gab ihr die Lust, selber mit einzugreifen. Ihre Blicke jagten die Kellner.

Wie eine Königin, dachte Abeking. Nein, wie ein Bild! Er stieß den Stabsarzt an: »Sieht sie nicht aus wie Tizians Tochter?«

»Nanu!« Der gemütliche Stabsarzt lachte sich eins. »Die Dicke, in der Tat, die haben beide gemeinsam!«

»Von wem reden Sie denn eigentlich?« Scheffler wußte nichts von Tizians Tochter; er war im Kadettenkorps erzogen, er hatte nicht Zeit gehabt, Galerien zu besuchen.

»So so, ganz recht,« sagte er zerstreut, als Abeking, empört über den Stabsarzt, der von ›Dicke‹ sprach, den Streitfall vorlegte. »Sehr nett, ja ja!«

Was kümmerte es ihn, ob Helenchen dick oder dünn war? Er legte sich in Gedanken eine Liebeserklärung zurecht. ›Um fünf,‹ hatte ihm Helene vorhin zugeflüstert, ›um fünf is Hedwig Schmölder janz allein im Jarten. Dat Tor steht offen. Ran, immer ran an die Jewehre! Die Kleine is verliebt bis über die Ohren. Na, nu macht schon voran, ihr zwei!‹ Ja, in der Tat, Helene hatte ganz recht, es war Zeit! Wie lange noch, und das Kommando auf dem Platz hatte ein Ende, er kam in die Garnison zurück; und wenn er auch wohl nächstes Jahr wiederkam, dann schwamm der kleine Goldfisch vielleicht schon in eines anderen Teich. Verdammt! Er zerknickte einen Zahnstocher in winzige Stückchen und grübelte vor sich hin. Es war doch schwer, schwerer als er sich’s gedacht hatte, sich so hinterrücks der Tochter zu versichern, wenn man weiß, daß einem der Vater nicht grün ist. Es vertrug sich nicht so recht mit dem Begriff der Ehre. Aber was half’s, machten’s andere Kameraden nicht auch so? Wie sollte man sonst zu einer reichen Frau kommen? Und die mußte er haben!

Energisch den Stuhl zurückstoßend, stand der Offizier auf. Er zog die Uniform stramm herunter, preßte die Brust heraus und zwängte die Handschuhe an. »Ich komme nachher wieder,« murmelte er gepreßt zwischen den Zähnen. »Es ist mir zu heiß hier – unerträglich! Adieu, auf Wiedersehen – nein, Kaffee will ich nicht, nachher Bowle!« Er schlug die Hacken zusammen, er hatte nicht den Mut, die Kameraden anzusehen.

Leutnant Schmidt machte einen seiner Witze hinter ihm drein. Der Stabsarzt lächelte ein wenig malitiös. Sie wußten schon, wohin Scheffler stapelte.

Der kleine Abeking blieb ganz ernsthaft: das war doch immerhin eine Sache, sich so für’s Leben zu binden, ein großer Schritt, ein gewagter Schritt! Auch er hatte einstmals von Verloben geträumt, mit einem jungen Mädchen im weißen Kleid. Er hatte sich das immer entzückend gedacht, jetzt langweilte ihn das zum Sterben. Er gähnte und trommelte auf den Tisch: wie konnte Scheffler nur?! Sein Blick suchte Helene. Ob sie denn nun nicht bald Zeit fand, hierher an den Tisch zu kommen? Er winkte ihr mit den Augen – sie sah gerade her zu ihm und lachte – eine stürmische Bitte sprach aus seinem hübschen Gesicht. War er denn dazu hier heruntergekommen, gab er denn dazu soviel Geld aus, noch dazu Geld, das nicht einmal das seine war, um sie mit so vielen zu teilen?! Die Röte des Zorns und der Eifersucht schlug ihm zu Kopf; er hatte auch hastig getrunken, bei der Hitze wirkte alles doppelt. Er hätte alle diese hier, die sie mit den Blicken verfolgten, niederknallen mögen, und sie dann in seine Arme reißen und küssen – ha, küssen! Seine Blicke verschlangen sie.

Schelmisch abwehrend schüttelte die schöne Frau den Kopf. Dabei spitzte sie aber doch den Mund wie zum Kusse. Ihre Lippen bewegten sich jetzt leise, er glaubte ein ›Nachher‹ oder ›Später‹ von ihnen abzulesen. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl. Es war unsagbar öde; die Anekdoten von Schmidt kannte er schon alle, oder wenn er sie noch nicht kannte, wußte er doch, worauf sie hinausliefen – wie konnte der Stabsarzt nur so darüber lachen?! Zu blöd! Seine Gedanken folgten wieder Scheffler: der verlobte sich nun – auch gräßlich – wie konnte sich ein Mann, ein Offizier, mit solch einer törichten, kleinen Person verloben, die noch von nichts eine Ahnung hatte, die kalt war wie eine Blüte im Schnee, ohne Glanz, ohne Duft?!