Sein Blick suchte wieder die schöne Frau. Jetzt sah er sie an einem Tisch stehen und mit ein paar Belgiern scherzen. Unerhört, unerträglich! Er hielt es nicht mehr aus. Wie Scheffler vorhin, so stieß auch er jetzt seinen Stuhl zurück und hörte nicht darauf, daß die Kameraden sagten, er solle doch noch sitzen bleiben, sie kämen nachher auch mit an die Luft. Er rannte aus dem Saal.
Ah, diese Qualen! Er glaubte nie ähnliche empfunden zu haben. Er hätte weinen mögen. Und doch konnte er ihr nicht böse sein, ihr nichts vorwerfen, es lag ja in ihrem Geschäft, mit jedem freundlich sein zu müssen. Ach, daß sie dazu verdammt war, Wirtin im Weißen Schwan zu sein! Würde sie denn nicht auch wo anders hin passen? Nein, nein – ja natürlich – ja, ja, ganz entschieden! Wer sagte da: nein?! Wie ein Wilder sah er sich um. Auch in anderer Lebenslage, in jeder Situation würde Helene am Platze sein. Besser als hier; für hier war sie viel zu schade! – –
Wenn sie nun herauskäme aus dieser Sphäre?! Ein Gedanke, so groß und ungeheuerlich schoß ihm plötzlich durch den brausenden Kopf, daß er vor sich selber davonrannte.
Er rannte die Gasse zu Ende, über Treppen und Treppchen, den steilen, schmutzigen, zwischen zerbröckelnden Mauern verborgenen Engpaß hinan, der zur Burgruine hinaufführte. Dort war er ganz einsam. Aus dem Städtchen herauf kam ein Sumsen, aber es wirkte hier oben nicht anders wie Bienengesumm.
Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Leutnant auf einem Mauerrest und blickte starren Auges hinab in die Enge der Gäßchen, die unter ihm lagen. Auf das hochgegiebelte Schieferdach des Weißen Schwans – die Wetterfahne, ein sich ringelndes Weib mit dem Fischschwanz, stand gerade auf ihn gerichtet – hätte er spucken können. Er stierte auf den im Nachmittagssonnenlichte glitzernden und glimmenden alten Schiefer. Da unten wohnte sie – ah, eine Nymphe, eine Nixe, von den Drachen bewacht, die an den Ecken der Dachrinnen auf die Straße spieen! Er seufzte und starrte, bis ihm die Augen übergingen. Wenn er nun den Abschied nähme, ihr zuliebe –?!
Das war ein abenteuerlicher Gedanke, ein ganz verrückter Gedanke, der nirgendwo anders entspringen konnte, als auf dem Moorgrund des öden Schießplatzes, als hier in der Enge der versunkenen Stadt. Er hatte ihn behext, das fühlte er wohl. Er wurde ihn nicht los. Und ihm war, als hätte er erzählen hören, der schönen Helene wegen hätten sich schon einmal zwei Offiziere duelliert. Warum auch nicht? Sie konnte schon junges Blut dazu bringen. Man war doch kein Fisch, wenn man auch hier kaltgestellt war – ah, so kalt! Mit einem Laut des Unmuts reckte sich der junge Offizier und heftete dann seinen Blick auf seine blanken Stiefelspitzen; er konnte nicht mehr dahinabsehen, es zog ihn sonst hinunter mit Allgewalt.
Es war doch schon manches Mal vorgekommen, daß Offiziere einer Heirat wegen den Abschied nehmen mußten! Erst kürzlich war ein Bekannter von ihm zu Krupp gegangen – es ging ihm da sehr gut – sie lebten sehr glücklich. Warum sollte nicht auch er bei Krupp ankommen?!
Wahrheit und Dichtung vermischten sich in des jungen Mannes Kopf; dabei war er benommen vom hastig getrunkenen Wein, seine Augen sahen nicht klar mehr, der blinkernde Schein, der auf dem besonnten Schieferdach lag, machte ihn ganz verdreht. Er schloß die Augen, um nicht mehr hinsehen zu müssen. Er schlief ein, aber in seinen Träumen spukte die schöne Helene, viel schöner, viel hübscher noch, als sie in Wirklichkeit war. Mit einem lauten Ruf fuhr er auf und streckte die Arme aus – ah, eben war sie ihm an die Brust gesunken!
Es war nicht möglich, noch länger auf Scheffler zu warten. Abeking war zwar dafür gewesen, noch eine Stunde sitzen zu bleiben. Er war so unbefriedigt, so unglückselig – sollte er wirklich so gehen?! Helene hatte noch immer nicht Zeit gefunden, sich zu ihnen zu setzen; nur einen zärtlichen Blick hatte sie ihm dann und wann zuwerfen können, und es war ihm gelungen, ihr hinter dem hohen Büfett, das gegen die Blicke aus dem Saal schützte, einen flüchtigen Kuß zu rauben. Er hätte bis zum Morgengrauen geharrt.