Aber die beiden anderen, die übergenug hatten, fanden es rücksichtslos von Scheffler, so unpünktlich zu sein. Sie bestanden darauf, anspannen zu lassen; Schwiegervater würde Egonchen schon in der Equipage nach Hause schicken.

Wie ein Träumender bestieg Abeking den Wagen: Helene hatte ihm eben noch ein Zeichen gegeben, ein Zeichen! Was meinte sie damit? Als sie aufgebrochen waren, an den Kellner gezahlt und mit Geklirr und Gerassel das Lokal verlassen hatten, war sie ihnen gefolgt in den Hausflur. Dort brannte nur eine einzige Lampe; es war viel zu wenig Beleuchtung für den tiefen und hohen, wie in einem Kloster gewölbten Gang. Aber ihm war’s heut gerade recht so. Während der Stabsarzt und Schmidt scheltend nach ihren Mänteln suchten, hatte sich Helene dicht an ihn geschmiegt, er fühlte ihre weiche Hand an seiner Wange. Sie war heiß und erregt, er roch den Weindunst ihres Atems, aber das, was ihn bei einer anderen zurückgestoßen haben würde, fiel ihm bei ihr nicht auf, oder es störte ihn doch nicht. Arme Frau – sie hatte so vielen zutrinken müssen! Er fühlte sich plötzlich wie ihr Erretter, ihr Ritter.

Und sie hatte heute nichts von der Schnippischkeit, von dem neckend-überlegenen Ton, mit dem sie sonst die jungen Leutnants abzufertigen pflegte. Der kleine Abeking mit den treuherzigen Augen gefiel ihr gut: so jung, so jung, ah, so ein ganz junger war doch tausendmal netter, als so ein alter ›Knopp‹ wie Schmölder zum Beispiel! Netter auch als der Stabsarzt seligen Angedenkens, netter selbst als der schöne Egon, netter als viele, viele andere. Er war schüchtern, er traute sich nicht so wie die anderen, das gefiel ihr am allerbesten an ihm. Ein Gesicht hatte er fast wie ein Mädchen, fein und zart, trotzdem er schon braun gebrannt war wie eine Haselnuß. Und was er für ein niedliches Schnurrbärtchen hatte! Sonst, wenn er daran herumzwirbelte, während seine Blicke an ihr hingen, hätte sie immer sein hübsches Gesichtchen zwischen beide Hände nehmen mögen: ›Da haste en Bützken, lieber Jung!‹ – aber heute kam er ihr männlicher vor, unternehmender. Als er ihr heute hinter dem hohen Büfett einen heftigen Kuß aufdrückte, hatte sie etwas von einer Leidenschaft gefühlt, die auch ihr immer bereites Herz gleich mit in Flammen setzte. Als sie sich jetzt im dunkelnden Flur an ihn drückte, mit weichen Fingern seine Wange streichelte, war Verliebtheit in ihrem Tun: wahrhaftig, das war kein dummer Junge mehr, mit dem man ein bißchen liebäugelte, den man hinhielt von einem Mal zum andern, das war ein Mann, ein richtiger Mann! »Komm wieder,« flüsterte sie und streifte mit ihren Lippen sein Ohr.

Weiter hatte sie nichts sagen können. Die Kameraden rissen ihn mit fort: »Kommen Sie, kommen Sie, Abeking, wollen in die Klappe!«

Nun fuhren sie alle drei schweigsam zum Lager hinauf. Solange sie noch übers Pflaster des Städtchens holperten, hatten sie von Scheffler gesprochen – der übte sich ja nun in Bräutigamsgefühlen – aber als der Wagen ruhiger und langsamer die steigende Chaussee hinanrollte, verstummte die Unterhaltung. Die beiden gähnten und wickelten sich in ihre Mäntel. Abeking, ihnen gegenüber, machte einen langen Hals und spähte ihnen ins Gesicht: aha, sie schliefen schon! Wenn er nun aus dem Wagen spränge, das Endchen zurückliefe? Eine halbe Stunde kaum, und er wäre bei ihr! Nein, es war noch zu früh, längst noch nicht Mitternacht, der Schwan war noch voller Lärm und Lichter. Schade! Eine glühende Sehnsucht packte ihn, die schöne Frau zu umarmen. ›Komm wieder,‹ hatte sie in sein Ohr geflüstert – was meinte sie damit? Morgen? Übermorgen? Oder – heute noch?!

Während die Kameraden schon fest schliefen, fand er keinen Schlaf, obgleich die Augen ihm fast zufielen und der Kopf ihm verworren war. Sie hatten ihm so oft eingeschenkt; sie hatten’s gut damit gemeint, aber er konnte nicht viel davon vertragen. Nun hörte er in einem fort, wie aus weiter Ferne und doch nah, ganz nah, das ›Komm wieder!‹ Verdammt noch mal, wie sollte er das denn machen?! Er schätzte den Sprung, vom Wagen herab auf die Straße. Merken würden die beiden es jetzt nicht, aber nachher, wenn sie ausstiegen; nachher. Nein, jetzt ging es nicht!

Mit einem Seufzer der Ungeduld zwirbelte der junge Mann sein Bärtchen. Er atmete zitternd-beklommen, in seinen Adern floß es wie Feuer, er hatte kaum die Beherrschung, ruhig sitzen zu bleiben. Mit brennenden Augen stierte er über den Wagenrand. Aber er sah nichts von dem Zauber der schönen Nacht, er sah nur gespenstische Umrisse. Daß da links vom sich windenden Band der Straße tief unten im Tälchen der silberne Bach glänzte, und goldene Sterne sich in ihm spiegelten, sah er nicht. Er sah nur immer die begehrlichen Augen der schönen Frau. In dem Murmeln und Plätschern, das der über Steine herabfallende Bach zu ihm heraufsandte, hörte er nur die flüsternde Stimme: ›Komm wieder!‹

In dieser Nacht brauchte es keiner Nachtigallen-Lockung. – – ›Komm wieder!‹ – –

Der junge Mensch fieberte. Es klopften ihm alle Pulse. Er mußte zu ihr – ›Komm wieder!‹ – er mußte, es litt keinen Aufschub! Wenn er nun mit den Kameraden hinaufführe bis vors Lager, wenn er dann, während sie schlaftrunken davonwankten, dem Kutscher ein Zeichen machte, ihm einen Taler in die Hand drückte, sich einen Gaul beim Zügel langte, sich hurtig aufschwang und noch einmal hinuntergaloppierte ins Städtchen? Zu ihr!

Und hurre hurre, hopp hopp hopp,