Auch Frau Schmölder war, trotzdem ihr der Offizier so wohl gefiel, von der Plötzlichkeit der Sache nicht sehr erbaut: Hedwig war doch noch so jung, man hätte doch noch erst überlegen sollen! Sie sah ihre Tochter so böse an, wie sie nur konnte: fragt man nicht erst seine Mutter um Rat? Und Heinrich sah wiederum seine Frau böse an: sie war an allem schuld, sie hatte die Sache protegiert! Aber Hedwig schien so glückselig, und sie war das einzige Kind. Schulden hatte übrigens Scheffler nicht. Er hatte sofort, nachdem ihn Schmölder zu einer Unterredung in sein Privatkontor gebeten hatte, seine Verhältnisse unumwunden klargelegt: Vermögen hatte er keins, nur eine Zulage gehabt, aber ein gutes Avancement hatte er vor sich, und er war auch niemandem etwas schuldig. Dies gab den Ausschlag.
Mit umwölkter Stirn sagte der Fabrikant ja. Er hätte lieber jeden anderen zum Schwiegersohn gehabt, als einen Offizier; aber wenn er gerecht sein wollte, mußte er sich eingestehen, daß der, an dem er so gern etwas zu tadeln finden wollte, untadelig aus seinem Verhör hervorgegangen war. Die beiden Männer reichten sich die Hände.
»Machen Sie meine Hedwig jlücklich,« sagte der Vater. Es lag eine Bitte in dem sonst so trockenen Ton Heinrich Schmölders, und zugleich ein leis-bange Frage, die der Bräutigam wohl heraushörte.
Er verbeugte sich gehalten: »Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, Ihr Fräulein Tochter glücklich zu machen. Mein Ehrenwort!«
Ein paar Stunden später nannte man sich schon ›Egon‹ und ›Schwiegerpapa‹, wenn auch vorerst das ›Sie‹ noch beibehalten wurde. Heinrich Schmölder hatte einen feinen Wein heraufbringen lassen; es wurde ein ganz fröhliches Abendbrot. Die Eltern sahen immer wieder ihr Kind an, und das Kind den Bräutigam.
Scheffler selbst war in einer strahlenden Laune. Es war alles so glatt gegangen, es hatte gar nicht vieler Worte bedurft in dem blühenden, lauschigen Garten zwischen den Felsen, und das kleine Mädchen war ihm an die Brust gesunken, errötend, zitternd, und er hatte ihr einen zarten Kuß aufgedrückt. Nun hielt er die Hand der Braut beständig in der seinen. Er sah wohl den immer wiederkehrenden ängstlich-forschenden Blick des Vaters, der ihn über den Tisch weg fast durchbohrte, aber er lächelte zuversichtlich: ja, er hatte dies kleine Mädchen wirklich lieb, herzlich lieb, viel lieber, als er eigentlich gedacht hatte. Es würde schon ganz gut mit ihr gehen!
Es wurde spät, bis der Bräutigam sich verabschiedete, und als ihm dann die Braut das Geleit bis zur Gartentür gab, und er sie da noch einmal küßte, seine Lippen auf die warmen jungen Lippen drückte, mischte sich in diesen Kuß ein aufflackerndes Begehren: wahrhaftig, das hatte er sich doch nicht so reizend gedacht, so ein junges Ding die Liebe zu lehren!
Der Schwiegervater hatte ihn mit der Equipage heraufgeschickt. In der bequemen, weichgepolsterten Ecke lehnte träumerisch der Offizier; er dachte daran, daß der Alte doch eigentlich ein famoser Kauz sei, der, der Tochter zuliebe, auch dem Schwiegersohn so leicht nicht etwas abschlagen würde. Oh, wie klug hatte er doch daran getan, der kleinen Hedwig Schmölder, die die anderen Kameraden etwas unbedeutend fanden, den Hof zu machen! Zufrieden lächelte er in sich hinein. Nun würden sie ihn beneiden! Er strich sich den schönen Schnurrbart. Gedanken, angenehme Gedanken strömten ihm in Menge zu; er war ganz darein vertieft.
Da merkte er doch plötzlich auf. Wie ein Schatten flog etwas an ihm vorüber, ein beschlagener Huf sprühte Funken, ein Pferdeatem, heiß und keuchend, schnob am Wagen vorbei. Was war das?! Er wollte sich erheben, sich umsehen – da – da war auch schon alles verschwunden. Ein Traum, eine Halluzination, eine Täuschung der Sinne. –
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