Eine glühende Sonne, viel heißer noch als die gestrige, brannte dörrend aufs Lager herab. Die Wellblechbaracken sprühten. Die meisten der Offiziere lagen bei verhängten Fensterchen auf ihren Betten und druselten, einige gähnten im Kasino. Alle hatten sie noch einen gewissen Katzenjammer von gestern, es war das beste, man schlief erst einmal ordentlich aus; zu morgen war ohnedies Felddienstübung anberaumt. Keinem Menschen war es behaglich. – –
Es war schon spät, als es an Bürgermeister Leykuhlens Tür klopfte. Ein paar erhitzte Radfahrer standen draußen.
Bis zum Dunkelwerden hatte man im Lager noch geduldig auf Leutnant Abeking gewartet, aber nun es Nacht zu werden anfing, zudem ein Gewitter drohte – fernes Wetterleuchten durchzuckte ab und zu den sternenlosen Himmel – hatte man plötzlich Angst bekommen. Es mußte Abeking irgend etwas passiert sein, nicht anders war sein unerklärliches Verschwinden möglich. Sämtliche Leute wurden ausgefragt, Unteroffiziere wie Gemeine, Infanterie wie Kavallerie und Artillerie; sie kannten ihn längst nicht alle, aber wenn sie ihn auch nicht gekannt hatten, jetzt kannten sie ihn, bis aufs Tüpfelchen wurde er ihnen beschrieben. Das ganze Lager war aufgestöbert.
War das eine Geschichte! Es surrte wie ein Bienenschwarm. Diese gottverfluchte Gegend, diese verdammte Ödenei! Was einem hier alles passieren konnte! Wie in Südwestafrika; schlimmer war’s in den Wüsten und bei den Hottentotten auch nicht, als hier in der Heide und im Moor. Vielleicht daß der Leutnant nicht hatte schlafen können vor Hitze – ’s war ja auch in den Käfterchen unter dem Wellblech zum Ersticken – er mochte wieder aufgestanden und ungesehen hinauspassiert sein, um sich draußen Erquickung zu holen. Diese verdammten Venn-Löcher, die zugewachsen waren mit Wollgras, die man nicht eher merkte, als bis man drin steckte! Er mochte eingebrochen sein im Halbdunkel, der arme Kerl, in ein tiefes Loch, vielleicht bis an den Hals. Er hatte sich nicht mehr herausarbeiten können. Oder ob ihn einer überfallen hatte, Geld bei dem Offizier vermutend? Vielleicht lag er irgendwo erschlagen hinter einem Busch, war ins Dickicht einer Tannenschonung verschleppt worden! Die Kolonie der Verbrecher, zwischen Lager und Dorf, war nicht weit. Was hat so ein Kerl denn noch zu verlieren?! Wenn er entdeckt wurde, Kopf ab; das war auch nicht viel schlimmer, als da oben zu hacken und zu roden!
Die abenteuerlichsten Gerüchte schwirrten durchs Lager. Wer zuerst solch grausige Befürchtung ausgesprochen hatte, wußte man nicht. Aber wo Zwei, Drei zusammenstanden, sprach man davon. Jetzt war die Befürchtung fast zur Gewißheit geworden: krank war Leutnant Abeking ja nicht gewesen, nein, ganz normal bei Kräften und bei Sinnen! Gesund und munter war er gestern mit Schmidt und Scheffler und dem Stabsarzt zum Diner in den Schwan gefahren, mit Schmidt und dem Stabsarzt auch wieder gesund und munter heraufgekommen. Nicht mit dem Krümperwagen waren sie gefahren, mit dem Break vom Bahnhofswirt. Ob der vielleicht etwas wüßte? Man mußte doch einmal hören. Einige eilten dorthin.
Aber der Bahnhofswirt zuckte die Achseln: er wußte nichts. Dienstbeflissen wollte er aber gleich einmal seinen Knecht fragen, den Kutscher, der die Herren gefahren hatte. Vielleicht daß der eine Ahnung hatte! Die Herren tranken derweil am Büfett einen Cognac, der Wirt ging in den Stall zum Knecht.
Er blieb lange aus, endlich kam er mit einem ganz eigentümlichen Gesicht wieder. Er war blaß, und heftige Erregung zitterte in seiner Stimme: da wäre ihm ja bald sein Pferd ruiniert worden, sein bestes Pferd! Eben hatte der Wallone es eingestanden, als er das Tier zerschunden und blutrünstig im Stall stehen fand, ganz lahm und abgetrieben. Bei den Ohren hatte er den Burschen gepackt, es aus ihm herausgeschüttelt: was war mit dem Gaul passiert? Da hatte der Junge geheult: der Herr Leutnant, den er gestern abend bis vors Lager gefahren hatte, der war noch einmal umgekehrt, gerade als er die Pferde in den Stall führen wollte, hatte ihm, ehe er sich dessen versah, den einen Gaul aus der Hand gerissen, selber Decke aufgeschnallt, Halfter angelegt, sich aufgeschwungen – heidi, auf und davon. Vergebens war er ihm nachgelaufen, vergebens hatte er ›Halt‹ geschrieen. Die ganze Nacht hatte er nicht schlafen können deswegen: was geschah mit dem Pferd? Aber am Morgen, eine Stunde nach Sonnenaufgang, zur ersten Futterzeit, da hatte der Gaul sich wieder vorm Stall eingefunden – und so sah er aus! Er hatte dem Tier schon die geschrammten Stellen gekühlt.
Nun verlangte der Wirt sehr energisch eine Entschädigung: das ging denn doch nicht an, daß ihm die Herren Offiziere die Pferde so kujonierten und zurichteten! Schwer genug mußte man sich’s hier werden lassen, alles anschaffen für die Bedürfnisse der Herren, und wenn sie dann zuletzt abzogen, blieb man mit dem übrigen sitzen, und doch wurde immer und immer noch geredet über ›hohe Preise‹ und ›Geldschneiderei‹!
Die Herren vom Lager bekamen einige sehr unangenehme Wahrheiten zu hören. Der Bahnhofswirt wurde ausfallend; daß man ihm sein Pferd so mir nichts dir nichts entführt hatte, das brachte ihn aus der Fassung.
Die Herren straften ihn mit der gebührenden Verachtung; aber sie schrieben ihren Ärger Abeking aufs Konto: wie konnte der Mensch solch unglaubliche Geschichten machen! Sie waren geradezu wütend: erst betrank sich der Junge und benahm sich dann wie ein Toller! Wahrscheinlich lag er nun irgendwo und schlief seinen Rausch aus.