»Fangen Sie auch an, was unruhig zu werden, Doktor?« fragte leise Schmidt.

»Na, und ob!« Der Dicke wischte sich den Schweiß ab. Dann sagte er lauter: »Herr Bürgermeister, wirklich sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit uns gehen!« Und der andere setzte hinzu: »Ja, ganz famos!«

Der Bürgermeister gab keine Antwort. Er hatte von dem Verschwinden des jungen Offiziers heute vormittag schon gehört, nun war es Nacht, derselbe noch nicht wieder da – sollte wirklich ein ernstlicher Unfall ihm zugestoßen sein? Oder steckte da irgend eine Weibergeschichte dahinter? Seine Mundwinkel zogen sich herab in einem leis-geringschätzigen Lächeln: kein Mädchen von Heckenbroich würde sich zu so etwas hergeben. Aber es gab ja noch andere Frauenzimmer?! Es durchzuckte ihn plötzlich, er schlug sich vor die Stirn: die Helene?! Fast hätte er’s laut herausgeschrieen: zu der mußte man gehen, die einmal ordentlich ins Verhör nehmen! Aber er biß sich auf die Lippen: still, was ging’s ihn an, mochten sie selber ihre Klugheit erweisen, die Herren vom Lager, er hatte sie nur zu führen. Jetzt war es nicht an der Zeit, harte Worte zu sprechen – warum mußten sie immer herunterfahren und erst zurückkommen bei Nacht und Nebel und den Frieden des Dorfes stören mit Rädergerassel und Hallo? – Nein, jetzt nichts davon! Jetzt galt es, einen Menschen zu suchen, der sich verloren hatte, der – er stockte in seinen Gedanken – war der Leutnant am Ende doch verunglückt?! Ein toller Ritt bei der Nacht auf ungesatteltem Pferd! Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

Sie waren jetzt bei der ersten scharfen Biegung der zu Tal führenden Straße angelangt. Heut schimmerte das sich windende Band der Chaussee nicht so weiß wie gestern im Mondenschein. Unsicher ging man durchs Dunkel, die Laternen warfen nur einen kleinen Lichtkreis; fratzenhaft tauchte für Momente irgend ein abgehauener Strunk darin auf oder ein Meilenstein am jäh abstürzenden Rande. Unten rauschte das Wildwasser, heute lauter denn sonst, weil kein Windhauch die Tannenwipfel rührte. Regungslos standen sie, Urwaldbäume, gewaltige Riesen, die Dunkelheit noch verdunkelnd durch ihre schwarz ragende Wand.

»Glauben Sie, daß ihm etwas Ernstliches zugestoßen sein könnte, Herr Bürgermeister?« fragte plötzlich der Stabsarzt. Beklommenheit war in der Frage. Und gleich darauf erhob er seine Stimme: »Abeking! A–a–beki–i–ing!«

»Schreien Sie doch nicht so! Warum schreien Sie denn so wie ein Kind im Dunkeln!« wollte Schmidt spötteln. Aber der Spott kam nicht heraus; in seinen Ton mischte sich etwas anderes. War es Angst?

Ein Huhuhen ging durch die Tannen. Jetzt ein schriller Pfiff. Man sah nichts, aber man hörte etwas. Allerlei Nachtgevögel, durch den Ruf aufgeschreckt, ließ sich vernehmen.

»A–a–beki–i–ing!«

»Doktor, was fällt Ihnen de – –«

»Halt!« sagte plötzlich Leykuhlen. Seine Hand legte sich mit eisernem Griff dem Offizier auf den Arm. Er hatte seine Laterne gehoben und dann wieder gesenkt; ihr Strahl fiel auf den weißen Meilenstein, der gespenstisch ragte wie ein Grabmal, auf das der Mond scheint. Er leuchtete rundum und bückte sich dann nieder. Die schmale Grasnarbe, die noch zwischen Straße und Absturz läuft – hier an der schärfsten Biegung wie ein Vorsprung über der Bergschlucht hängt – war aufgewühlt. Hier hatte ein Pferd gescharrt – gescheut! Man sah noch den Schlag des Hufes wider den Meilenstein.