Das Strümpfchen vor sich hinhaltend und es freudig anblinzelnd, saß sie sonnenbeschienen auf dem Stein, mit ihren Füßen baumelnd. Man sah ihr Figürchen schon von weit her. Sonst war nichts ragendes auf der Hochfläche, als die Ley mit ihrem Kreuz im schwarzen Dickicht der Tannen.

Simon Bräuer kam von der Strafkolonie her. Deren tiefgehendes neues Ziegeldach schrie wie Blut aus dem Braun des Moorlands; noch blühte das Venn nicht überall, seine Farbe war noch eintönig. Zögernd hatte sich der Aufseher erst noch ein paar Mal nach dem Hause zurückgewendet: würde der Hilfsaufseher auch gut aufpassen? Er war erst kürzlich eingetreten, und die Kerls waren jetzt so renitent; am ersten Pfingstfeiertage war der Süßchenbäcker frech geworden. Der Kerl protzte wohl auf seine Kraft? Hei, den hatte er aber zu Boden geduckt mit einem Blick, daß er sich nicht mehr muckte. Der Rotfuchs, der war auch wie ein Toller gewesen, wollte nicht mit zur Kirche, hörte auf kein Kommando, lief herum wie ein wildes Tier im Käfig, hatte sich auf sein Bett geschmissen, den Kopf gegen die Wand gekehrt, so daß er ihn zum Sich-besinnen mal ins Kaschöttchen hatte führen müssen, in das enge, stockdunkle Käfterchen hinter der schweren Bohlentür mit den eisernen Haspen. Ohne Licht, ohne Beschäftigung, ohne Suppe hatte er darin gesessen, bis er zahm geworden war am andern Tag. Was fiel den Kerlen denn ein, steckte ihnen der Frühling im Blut, der auch aus den elendesten Knorren Schößlinge treibt? Freilich – Simon Bräuer sah sich um, ließ seine Falkenaugen schweifen von Ost nach West, von Süd nach Nord – arme Teufel, jetzt war es lockend! Die Ferne blaute im Duft, aus dem Moorgrund stieg ein kräftiger Geruch; bald würde hier alles rosa blühen von den Glöckchen der Vennheide. Jetzt hieß es aufpassen!

Er setzte die Zähne aufeinander. Aber seine Frau brauchte keine Angst zu haben – sie war gestern hier oben gewesen, er hatte ihr rund ums Haus alles gezeigt – es passierte schon nichts! Was die Weiber so schreckhaft sind! Er hatte mit ihr draußen gestanden, ihr etwas erklärt, sie hatte an seinem Arm gehangen, da hatte sie plötzlich aufgeschrieen und den Kopf an seiner Brust versteckt. Nun, was war denn los? Sie hatte nachher selber darüber gelacht und sich geniert, daß sie so furchtsam gewesen war. An die Gitterstäbe des Schlafsaals hatte der Rotfuchs seine Nase gedrückt – nun ja, schön war der gerade nicht, es gab Schönere, aber zum Fürchten war er doch auch nicht. Aber sie hatte sich immer wieder geschüttelt: buh, sah der einen an! Sie war gar nicht davon abzubringen, immer wieder fing sie an von dem Kerl zu sprechen. Verwünscht! Beinahe hätte der verdammte Kerl ihren ganzen schönen Entschluß wieder über den Haufen geworfen. Auf einmal wollte sie sich nicht mehr recht entschließen, mit den Kindern herzuziehen: es wäre doch gar zu verlassen, zu einsam hier oben. Sie fürchtete sich aufs neue. Und sie hatte doch fest versprochen gehabt, zum ersten August spätestens oben zu sein! Er wollte dann darum einkommen, daß er ein Häuschen für seine Familie gebaut bekam, nicht allzuweit ab, etwa auf halbem Weg zwischen Heckenbroich und der Strafkolonie, sodaß man doch Weib und Kind sehen konnte, wenn es einem gar so gelüstete. Er hatte sich das so schön gedacht – und nun?!

Bräuer zog die Stirn zusammen, sein Gesicht wurde streng: sie mußte herauf. Sie waren Mann und Weib, und das Weib hatte dem Mann zu folgen. Das wollte er ihr heut sagen zum Abschied.

Er zog die Uhr und sah finster darauf: elf Uhr. Nur noch eine Stunde, und Thereschen war fort! Dann rollte sie da unten hin in dem schwarzen Zuge über die Geleise, und er hatte das Nachsehen. Er seufzte auf. Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte: je früher er zum Bahnhof kam, desto länger hatte er noch was von ihr. Er lief fast Trab, und dabei grübelte er in sich hinein: wie sollte er’s nur anstellen, sie sobald als möglich wieder hier oben zu haben? Es dünkte ihn jetzt viel unmöglicher, ohne sie zu sein, als da er das erste Mal von ihr geschieden war.

Eine bittende Stimme schreckte ihn auf. »Könt Ihr mir saone, wie vill Uhr et is?« Die kleine Hirtin saß auf einem Stein, nicht weit von den Tannen. Jetzt rutschte sie von ihrem Sitz herab, legte ihr Strickzeug sorglich nieder und kam mit trippelnden Schrittchen lächelnd auf ihn zu.

Sein finsteres Gesicht wurde ein wenig freundlicher: so würde sein Töchterchen vielleicht auch einmal aussehen, nur daß es Flachszöpfchen hatte, nicht so dunkele Haare wie die hier. Er antwortete: »Elf Uhr!«

»Merci. Da moß ich baal no hem driwe. Dä Küh weiden äwer noch esu jot!« Sie nickte und wollte wieder zu ihrem Sitz zurück, zierlich durch das Heidekraut trippelnd trotz der plumpen, schwergenagelten Schuhe, die aufs Wachstum berechnet, viel zu weit um ihre zarten Knöchel schlorrten.

Er sah sie flüchtig an, dann betrachtete er sie interessierter; das ernsthafte Gesichtchen unter dem weißen, rot-gepunkteten Kopftüchelchen gefiel ihm wohl. Daß die Eltern dies junge Kind so ganz allein in die Einsamkeit schickten! Er vergaß ganz, daß er selbst einst auch draußen im Venn, noch viel weiter draußen, noch viel ferner von jedem Menschen, das Vieh gehütet hatte. Aber er war ein Junge gewesen, dies hier war ein Mädchen. »Biste nit bang?« fragte er.

Sie sah ihn groß an und schüttelte, ganz verwundert, verneinend den Kopf.