Er sah noch einmal nach ihr zurück, ehe er in die Senkung zur Bahn hinabstieg. Ein Trupp seiner Strafgefangenen näherte sich jetzt der Ley, die Schaufeln geschultert; sie fingen nicht weit von dem Platz der Hirtin zu arbeiten an. Bräuer krauste die Stirn: er mußte doch wirklich den Huesgens mal sagen, daß die ihr Mädchen wo anders zum Hüten hinschickten. Es gab ja noch Plätze genug. Warum denn gerade hier, so nahe der Kolonie?!

Aber er dachte nicht mehr weiter daran, als er jetzt an der Station stand und sein Thereschen im Arm hielt. Die Frau weinte bitterlich, viel heftiger, als da er fortgezogen war im Februar. Jetzt war ihr Herz geteilt: sie hatte ihn ja so lieb und fürchtete sich doch so sehr. Ihr schöner, stattlicher Mann – ach, würde sein starker Arm sie doch bald wieder umfassen! Und doch – der Rotfuchs, die Kerle alle! Und dann das Venn!

Er sprach kein Wort von ihrer Übersiedlung hierher. Er stieß nur heraus: »Jrüß die Kinder, jrüß die Kinder,« und preßte ihr die Hand dabei so fest, daß sich ihr der Trauring schmerzhaft ins weiche Fleisch drückte. Als sie schon im Coupé saß, stand er noch auf dem Trittbrett und drückte ihr die Hand. Er sprang erst ab, als der Zug schon in Bewegung war. »Jrüß die Kinder!« Ein Ruf, ein Winken, ein lautes Aufschluchzen im Coupé – fort war die Frau, und der Aufseher Simon Bräuer wieder allein mit seinen Vierzig auf einsamem Venn.

Festen Schritts, aber den Kopf gesenkt, verließ der Mann den Bahnhof. Nun fiel es ihm ein, nun, da es zu spät war, was er ihr hatte sagen wollen: sie mußte herkommen, sie mußte. Spätestens zum ersten August! Er machte eine Handbewegung: egal, es gab ja auch Feder und Papier, er würde es ihr sofort schreiben. Und er glaubte auch zu fühlen – ja, er hatte es gefühlt an ihrem letzten Kuß – daß er sie kaum zu treiben brauchte. Sie kam her, sie kam bald her, so schwer es ihr auch wurde!

Die Traurigkeit abschüttelnd, überlegte Simon Bräuer, daß, nun er den Hilfsaufseher doch einmal bestellt hatte, es ganz gut wäre, wenn der sich schon mit den Kerls ein wenig einlebte. Wenn die Frau erst da war, würde er doch öfter fort sein; und auch nachts. Er beschloß, auf einem anderen Wege, in einem Bogen durchs Dorf, nach der Kolonie zurückzugehen. Bei dieser Gelegenheit konnte er sich gleich einmal nach einer Wohnung für Thereschen umsehen. Bis das Häuschen für sie gebaut war, würde es doch zu lange dauern.

Oben auf dem Venn hatten sich die Strafgefangenen zerstreut. Heute waren sie nicht unter so strenger Hut. Der Roßschlächter und der Schuster hatten sich zusammengefunden. Sie arbeiteten nebeneinander, stachen aber nur blindlings mit ihren Spaten drauf los; ihre Augen funkelten, sie wisperten hastig miteinander.

»Los, los, lassen mir jetzt auf und davonrennen!« flüsterte der Süßchenbäcker. Pah, der Hilfsaufseher war nur ein schwacher Kerl, den schlug er mit einem Spatenhieb nieder!

Der andere wurde blaß und rot. Auch seine Nüstern blähten sich, er witterte schon die Freiheit. Frei, frei! Er stöhnte, seine Hände umklammerten den Spaten wie eine Waffe; aber er erhob ihn noch nicht, er stürmte noch nicht los wie ein Wilder. Er traute sich doch nicht.

»Los, los!« hetzte der andere. »So jut treffen wir dat nie mehr wieder. Der Bräuer is sein Frau fortbringen – voran, – voran – bald kömmt de retour!«

Sein Flüstern hatte etwas Anfeuerndes. Und etwas Betörendes hatte die Luft, die heute so selten warm, so lind wehte, als wollte sie Wangen und Stirnen umschmeicheln. Und es war alles hell, man konnte sehen, wohin man trat, man brauchte nicht die Sumpflöcher zu fürchten. Ehe es dunkelte, war man bereits über die Grenze. Da – da – sah man sie denn nicht?!