Der Süßchenbäcker machte »Pst!« und winkte dem Genossen mit den Augen, kaum merklich mit dem Kopfe hinnickend: da, wo das Venn und der Himmel zusammenflossen, als wären sie eins, – alles wie blaue Luft – da, wo der winzige Würfel in der blauen Luft sich abzeichnete und daneben drei Strichelchen standen, wie Haare so dünn, da war das Grenzhaus, die Baraque mit den drei Bäumen! Daran mußten sie sich vorbeischleichen. Vorsicht, Grenzjäger patrouillierten da herum, um alles Zollpflichtige aufzuschnappen. Haha! Heimliches Lachen stieß den starken Mann: wofür war er denn ein Schlächter? Einen Knüttel hatte er sich unterwegs aufgelesen, mit dem gab er dem Störenfried, der ihnen in den Weg trat, eins vor die Stirn, daß er betäubt zu Boden fiel. Und dann eins, zwei, drei über die Grenze weg! Da, da! Er puffte den Kameraden in die Seite und sagte fast laut: »Da is Belligen, da sind wir frei!«
Niemand hatte es gehört. Der Hilfsaufseher hatte nicht so scharfe Ohren wie Bräuer und auch nicht so scharfe Augen. Er hatte genug zu tun mit dem Rotfuchs; der arbeitete nicht, wie sich’s gehörte.
Der Roßschlächter lachte: »Dat is jut, dat is jut, der Rotkopp kriegt de Huck voll! Los, Kamerad, nu lasse mir käpernicken!« Er hob den Spaten, er wollte davonstürmen, er öffnete den Mund, als wollte er ›Hurra‹ schreien, da hemmte ihn ein unterdrückter Fluch des anderen.
Ohligs hatte den Kopf gehoben – frei sein, nur frei, schon atmete er die Freiheit – aber der Strahl in seinen Augen erlosch jäh. Ein unterdrückter Schrei der Wut und der Enttäuschung entfuhr ihm: da kribbelte es ja plötzlich in der Weite des Venns wie ein Bienenschwarm. Es schwärmte dahin, es schwärmte dorthin – Fähnchen wimpelten – Lanzenspitzen blinkerten – Pferdebeine trappelten und stampften Staub aus dem Heidegrund – Kommandos schallten, scharf und schneidig – der Trupp schwenkte ab. Aber andere Trupps tauchten auf, tauchten unter: woher, wohin? Und Fußvolk marschierte in einer Kolonne heran, man hörte aus der Ferne das dumpfe Stampfen; schnell formierte sich eine lange Linie: Seitengewehre vor – bum, ein Kanonenschuß von irgendwo her – und nun Geknatter. Kleingewehrfeuer. Eine Gefechtsübung.
»Verflucht!« Der Süßchenbäcker schleuderte den Spaten hin, daß er vom Stiel abflog: nun war nichts mehr zu wollen! Mit einem Wutgebrüll schmiß er sich auf den zerbrochenen Spaten nieder und rührte sich nicht.
Der Hilfsaufseher kam eilig herbeigelaufen: was ging denn hier vor? Nun hatte er doch etwas gehört. Aber er war kein Simon Bräuer; wenn er auch die Flinte umfaßt hielt, ganz umsonst gebot er, der Sträfling stand nicht vom Boden auf, gehorchte auch keinem Fußtritt und keinem Rippenstoß. Vergebens fluchte er und schrie, der Süßchenbäcker wälzte sich am Boden und heulte wie ein Besessener. Verzweifelt blickte der Hilfsaufseher aus: wenn doch Bräuer zurückkäme! Aber der war noch nirgend zu sehen. Es blieb ihm nichts übrig, als den sich Wälzenden von ein paar stämmigen Genossen an Armen und Beinen packen und nach dem Hause hinschleifen zu lassen.
Der Sträfling widersetzte sich nicht mehr; wie ein Toter ließ er sich abschleifen und ins Kaschöttchen werfen. Dabei lachte er heimlich in sich hinein: wenn er auch jetzt bei Wasser und Brot im Dunkeln sitzen mußte, der Kerl, der Hampelmann, die Bangbüx von Hilfsaufseher, kam erst recht in des Teufels Küche! Dies auszudenken machte ihm Spaß, soviel Spaß, daß ihm fast die Wut verging über die vereitelte Flucht.
Während der Hilfsaufseher drinnen im Haus zu schaffen hatte, die schwere Bohlentür vor dem dunklen Loche zuschlug und die Riegel vorlegte, irrte draußen die übrige Herde führerlos.
Viele arbeiteten nach wie vor, stumpfsinnig, als sei nichts geschehen. Sie hatten bei dem Lärm nicht einmal die Blicke erhoben; wie Lasttiere, das Joch auf dem Nacken, trotteten sie Schritt für Schritt weiter, stachen die viereckigen Ausschnitte aus dem Boden und stülpten sie auf. Was ging es sie an, wenn einer revoltierte?! Das verbesserte ihre Lage doch nicht; höchstens wurde der Bräuer noch strenger.
Der alte Kunde, der Paternoller, hatte sich an Jakobs herangemacht; seit der Rotkopf neulich so gestöhnt hatte, war es dem Alten, als müsse er dem Jungen etwas zugute tun. »Ruh dich aus, ruh dich wat aus,« mahnte er. »Jetzt sieht dich niemand. Jung, du kannst ja nit mehr!«