Der Blasse hatte bis jetzt fortgearbeitet; Schweiß troff ihm von der Stirn, seine Brust zitterte unter angestrengtem Atmen. Nun, da der Alte ihn anredete, schreckte er auf: »Laß mich in Ruh!« Aber dann stöhnte er: ja, er konnte nicht mehr! Scheu sah er sich um – niemand beobachtete ihn – und der Alte hier würde ihn nicht verraten! Mit ein paar Sätzen war er hinter dem nächsten Gebüsch, warf sich da lang hin und keuchte sich aus. Aber bald, nun er ruhte, ließ das Arbeiten in seiner Brust nach, er fühlte etwas wie Wohlbehagen. Ah, die Luft war heut schön! Der Duft der großen Tannen an der Ley kam herüber und mischte sich mit dem strengen und doch wohltuenden Geruch des Heidekrauts. Blaßrosa Glöckchen in niedrigen kleinen Büschelchen blühten zwischen dem anderen höheren Kraut. Der Sträfling riß ein paar Stengelchen davon ab und steckte sie zwischen die Lippen. Er saugte daran; harzig und bitter schmeckte das, aber es tat seinem immer trockenen Munde doch wohl. Er schloß die Augen.

Um ihn summte es – Bienen im Wind – oder war es der Wind selber in den Ästen der Tannen? Sonst nichts. Nicht die harte Stimme des Aufsehers. Da, plötzlich ein Singen! Er erschrak; ein Anruf des Aufsehers hätte ihn kaum so erschreckt.

»Der dritte schütz’ mich immerdar,

Daß mir nichts Böses widerfahr’!«

Da stand ein kleines Mädchen nicht weit von ihm in der Heide, bückte sich und pflückte von den rosa Glöckchen. Einen dicken Strauß hielt es schon in den Händen. Er glotzte.

Das Kathrinchen war gar nicht erschrocken über den Mann, der da plötzlich hinter einem Brombeergestrüpp vor ihm lag: ei, der war müd, der ruhte sich aus! Emsig pflückte es weiter: hier blühten die Glöckchen am allerschönsten, ein Kranz davon mußte die Mutter Gottes in der Ley herrlich kleiden!

Es war Kathrinchen plötzlich eingefallen, der Maria im Stein einen Kranz zu binden, als sie so still dagesessen und gestrickt hatte. Die Kühe waren ja brav, die liefen nicht weg, sie konnte sich schon getrauen um den großen Felsen und um die schwarzen Tannen herumzuwandern und Blumen zu pflücken, da, wo sie am schönsten blühten.

Sie lächelte den Mann an.

Er sagte nicht ›Guten Tag‹, er wies nur mit ausgestrecktem Finger auf ihren Rocksaum.

Sie guckte an sich herunter. O weh! Mit Schrecken sah sie, was sie angerichtet hatte: ihr Strickzeug, Jesus, ihr Strickzeug! Sie schleifte es hinter sich her, der Wollfaden hakte an den scharfen Pinken ihrer Schuhe fest; er war nicht gerissen, aber ganz verwirrt, vom Knäuel abgewickelt und mit Strümpfchen und Nadeln und allerlei dürrem Kraut unentwirrbar zusammengedreht. Sie stieß einen Jammerruf aus, ließ ihren Strauß fallen und faßte mit beiden Händen nach dem Strickzeug. Der Faden hatte sich ihr wohl zehnmal ums Bein geschlungen, sie saß wie in einer Fessel, sie kam nicht heraus.