Der Mann lag auf dem Bauche, das Gesicht zwischen die Hände gestemmt, und beobachtete sie. Er rührte sich nicht: war die niedlich! Die blassen Lippen seines mageren Gesichts verzogen sich, er zeigte in einem stummen Lachen das ganze Gebiß. Solch niedliches kleines Dingelchen hatte er wahrhaftig noch nie zu sehen gekriegt! Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Aber das Dingelchen kriegte den Faden nicht los vom Bein, es verzog das Gesicht zum Weinen. Da fletschte er die Zähne: »Wart, ich helf dir!«

Geschmeidig kroch er heran, immer auf dem Bauch rutschend; kroch immer näher an sie heran und nahm ihr Beinchen in die Hand. Der Strumpf war heruntergerutscht, er fühlte das nackte Fleisch, warm und weich. Ein Schauer durchrieselte ihn; er stieß einen zittrigen Seufzer aus. Langsam begann er, den Faden vor dem Beinchen abzuwinden.

»Merci,« sagte Kathrinchen jetzt erleichtert. Aber dann schlug sie die Hände zusammen: oh weh, wie sah das Strickzeug aus, die Maschen waren von den Nadeln gerutscht, alles kaputt! Geschwind kauerte sie sich nieder: schnell, schnell, daß nur nicht noch mehr Maschen herunterfielen! Sie wurde blutrot, ihre Hände fingen an zu schwitzen, Tränen schossen ihr in die Augen; sie kam nicht mit der Arbeit zustande.

»Heul nicht,« sagte der Sträfling und nahm ihr das Gestrick aus den Händen. Das Stricken hatte er gelernt, als er das erste Mal gesessen hatte; nun kam es ihm zu paß.

Sie sah ihm zu mit großen Augen, ganz hingenommen von seiner Geschicklichkeit. Er raffte die Maschen auf und strickte ein paar Male herum. Sie sprang auf und wollte hell jubeln. Er aber riß sie heftig am Rock wieder nieder: »Halts Maul!« und nickte mit den scheuen Augen aufs Venn hinaus zum Hause mit dem roten Dach hinüber.

Da sah Kathrinchen erst, daß er Sträflingskleidung trug. Aber auch jetzt war sie nicht bange: der war ja so gut! Verständnisvoll nickte sie: er wollte sich wohl hier ausruhen von seiner schweren Arbeit, und nun mußte sie still sein, sonst kam der Aufseher und holte ihn! Sie duckte sich ganz geschwind wieder nieder zu ihm hinter den dichten Busch. St, ganz still!

So blieben sie noch eine Weile zusammen. Er lag auf dem Bauche, die Ellenbogen aufgestemmt, das Gesicht zwischen den Händen und betrachtete sie immerwährend. Sie hatte ihre Kühe ganz vergessen, strickte eifrig, das Versäumte wieder einzubringen. Und dabei unterhielten sie sich, ganz leise, flüsternd, damit niemand sie höre. So scheu sonst Kathrinchen vor Fremden war, so gesprächig war sie jetzt; sie erzählte von der Schule, von den Eltern, von den Geschwistern und von der Maiblum daheim. Sie hatte ja den ganzen Tag so still sein müssen.

Er hörte ihr zu mit offenem Munde und verschlang sie fast mit den Blicken. Plötzlich schreckte er auf, eine Stimme hallte laut. Der Bräuer, kam der schon wieder?! Nun hieß es, sich davonmachen. »Bis auf ein andermal,« flüsterte er heiser. Ob sie ihm wohl die Hand geben würde?

Sie gab ihm freiwillig die Hand.

Oh, wie tat ihm das wohl, daß das Kind sich nicht vor ihm fürchtete! Starr, unverwandt hingen seine Blicke an ihr. Die Furcht saß hinter ihm – da war ja schon der Bräuer – aber er konnte sich gar nicht trennen. Ein heißes Verlangen kam ihm plötzlich, die Kleine zu küssen. Kaum bezähmte er sich: nur nicht sie erschrecken! Wenn er das tat, sie in seine Arme packte, dann kam sie vielleicht nicht wieder, nie wieder – und sie sollte, sie mußte wiederkommen. Er mußte sie noch einmal antreffen hier hinter dem Busch!