Als Kathrinchen diesen Abend nach Hause trieb, war sie glücklich; der Tag war ihr gar nicht lang geworden. Ihre sieben Stück waren auch brav gewesen, hatten sich so satt gefressen, daß sie keine Seitensprünge mehr machten, sondern bedächtig hintereinander gingen mit wackelnden Bäuchen. Es bedurfte keines Knalls und keines Schlages mit der langen Peitsche, die noch einmal so lang war, wie die Hirtin selber. Der Bauer hatte Kathrinchen einen Hund mitgeben wollen, aber sie hatte keinen gewollt; sie hatte ein bißchen Angst vor Hunden, die bellten so laut.

Die Hirtin sang leise vor sich hin während des ganzen Weges. Um das Kreuz der Ley verglühte das Abendrot; es hüllte auch sie mit in seinen Schimmer. Das Rot des Himmels strahlte weit; der Fluß im Talgrund, drunten das weiße Bahnhofsgebäude und die Gleise, oben das einsame Haus auf dem Venn, das Dorf, an Mattenhängen sich langziehend, seine Hecken und der überragende Kirchturm, alles war rosig bestrahlt.

Holzarbeiter kehrten heim aus den Wäldern, ein Angler kam vom Forellenfang, die Torfstecher kamen zurück, ein Bauer trieb seinen Ochsen zum Schmied weiter ins Dorf hinein, um ihn beschlagen zu lassen, und durch die Heckenausschnitte sah man die Frauen auf den Türschwellen sitzen und Kartoffeln schälen. Kathrinchen grüßte, manch freundlicher Gegengruß wurde dem Hütekind.

An der Hecke beim Adams stand schon die Bäuerin und nahm die Kühe in Empfang; sie gab Kathrinchen ein Schmierchenbrot. Gern hätte Kathrinchen das selber gegessen, ganz verstohlen leckte sie einmal daran im Schutz der Hecke – ha, wie lecker! – aber sie gönnte es sich nicht. Das sollte die Mutter haben oder die Bäreb.

Aber Bäreb war noch nicht daheim. Den Geschwistern war es zu lang geworden, auf den letzten Zug unten am Bahndamm zu lauern: wer weiß, am Ende kam die Bäreb auch mit dem Zuge noch nicht! Frau Huesgen war in einiger Unruh: die Bäreb hatte doch so bestimmt gesagt, daß sie heute wiederkommen würde. Und morgen mußte sie ja wieder in die Fabrik. Und nun war es schon so spät!

Den Kindern, die um den Tisch saßen, glänzten die Augen: ha, Milchsuppe mit Brotbrocken drin, wie lange hatte es keine solch gute Suppe gegeben! Die liebe Maiblum! Wenn doch die Bäreb käme, was würde die dazu sagen! Sie platzten fast vor Begier, der Schwester etwas zu verkünden.

Es war dunkel in der niedrigen Küche, ein Lämpchen wurde jetzt nicht mehr angezündet wie im Winter, das sparte man. Man sah fast nichts mehr, nur mitunter glitzerten beim Fallen von Funken im Aschenloch die hurtig sich drehenden Augäpfel der Kinder. Der Suppennapf war geleert, die Blechlöffel auf den Tisch gesunken, müde gähnten die Kleineren. Wie spät mochte es wohl sein? Sie konnten den Himmel nicht sehen, hatten keine Uhr im Haus, und auch keine schlug von der Kirche. Ob die Bäreb nun noch kommen konnte?! Unruhig ging die Mutter zur Tür hinaus und kam ebenso unruhig wieder zurück. Es half nichts, man mußte ohne Bäreb den Rosenkranz beten. Frau Huesgen kniete nieder, ihre Kinder knieten um sie her. Ein Ave reihte sich an das andere.

Obgleich das Fenster geschlossen blieb und draußen die Hecke hoch ragte, hörte man doch das betende Murmeln bis auf die Straße hinaus. So hört man’s um diese Zeit, da Nacht sich senken will und die Hecken schwarz ragen, fast aus jedem Hause von Heckenbroich. Die Mutter betete vor mit einigen Kindern: »Gegrüßet seist du, Maria,« und im Zusatze: »der uns den heiligen Geist gesandt hat!« Die anderen antworteten: »Heilige Maria, bitte für uns Sünder!«

In Frau Huesgens Seele zog Ruhe ein: was hatte sie denn, daß sie sich so aufregte? Ihre Kinder standen ja unter der Heiligen Schutz! Sie bekreuzigte sich fromm.