* *
*
Der Juli war auf seiner Höhe, die Matten um Heckenbroich in die Halme geschossen; zartes Reihgras mit tausenden von Blumen durchsetzt, stand in leuchtenden Farben. Bunten Teppichen gleich, in allen Schattierungen von rot und blau, von gelb und weiß, säumten die Wiesen den Fluß-Grund und stiegen an den Hängen hinauf, bis hoch zum Venn.
Das dörrte jetzt schweigend im Sonnenbrand. Wo sonst grünes Gras aus feuchtem Grund gewuchert hatte, war es jetzt trocken und das harte Sauergras war gelb und schilfig geworden. Die Rinnsale alle, die das Venn durchschleichen, die Bächlein, schmal, zweihandbreit, die man kaum sieht im buschigen Grund, unterm Grün der Preißelbeere zwischen den Moospolstern, wollten jetzt versiegen. Nur der Fluß im Tal und der Bach in der Au hatten noch Wasser; aber auch sie rauschten und sprangen nicht mehr in sprudelnder Frische über die Steine, langsamer zogen sie hinab, wie müde geworden.
Das Venn tat sein Maul auf. Der moorige Grund schrumpelte ein in unzählige Falten und Fältchen, wie ein runzliges, altes Gesicht; und dann riß die Erde in handbreite Spalten. Stundenweit konnte man jetzt trockenen Fußes gehen, wo man sonst hatte waten müssen; nur die ganz tiefen Löcher hatten noch Wasser, aber es war von einer trügerischen Grasnarbe zugedeckt. Die ganze Fläche war besetzt mit den schwarzen Haufen der Torfstücke, die die Torfstecher aufgesetzt hatten zum Dörren; Totenhügeln glichen sie nach einer mordenden Schlacht.
Ab und zu ragte ein Kreuz, verwittert, kohlschwarz, schief auf die Seite gesunken, einem Toten zum Gedächtnis gesetzt in dieser schattenlosen, angeprallten, atem-anhaltenden Einsamkeit.
Regungslos standen die Grenzen der Tannenwälder. Das Wild trat heraus am hellichten Tage, es wartete nicht mehr den Abend ab; in Rudeln kam es bis dicht vors Dorf, um in den beblümten Matten zu äsen. Es hatte Hunger, denn die zarten Farrenwedel, die unter den Tannen grünen, waren längst geknickt von der Hitze, Moos und Gras versengt von den Strahlenschwertern, die an den nackten Tannenstämmen niederfuhren bis zum Grund. Erbarmungslos war jeder Stengel geköpft. Die Preißelbeere zeigte die Notreife, und die Heckenbroicher besprachen schon die Aussichten dieser Beerenernte. Aber vorerst hatten sie noch ihre erste Ernte einzubringen: das Heu.
Überall wurden die Wiesen gemäht, überall duftete es nach Heu. Zu rasch fast trocknete es, wie Pulver zerrieb es sich zwischen den Fingern, man konnte nicht eilends genug es wenden; das war ein jähes Dörren, fast dem Verkohlen gleich. In der glühenden Luft ging aller Saft verloren, alle Kraft, die doch darin bleiben muß, soll das Vieh sich gut nähren. Und es wurde noch heißer, immer noch heißer. Jeden Tag die gleiche eintönige Bläue, die nicht vom kleinsten Wölkchen durchsegelt ward; ein Himmel von eherner Monotonie. Die Augen sehnten sich nach Grau, nach trüber Beleuchtung; es tat ihnen weh, immer in diese blinkernde, blendende Weite zu sehen.
Balthasar Adams vom grünen Klee kratzte sich bedenklich den Kopf. Er hatte die meisten und besten Wiesen, aber auch er hatte dies Jahr zu klagen: das Heu hatte gar keinen Gehalt. Und noch immer keine Aussicht auf andere Witterung. Sonst hatte man den Regen in der Heuernte immer gefürchtet, jetzt hätte man ihn gern haben mögen; acht Tage hintereinander, das wäre nicht zuviel gewesen. Was sollte man machen, wenn das Wetter so blieb?! Dann verbrannte auf den gemähten Wiesen die Grasstaude bis in die Wurzel, sie trieb nicht mehr aus; es gab eine erbärmliche Weide fürs Vieh diesen Herbst. Und man hatte selber bald kein Wasser mehr; tief, tief mußte man jetzt schon den Eimer hinablassen in den Brunnen, so tief als die Kette reichte, und brachte dann doch nur trübes und grundiges Wasser herauf. Eine Dummheit war’s von dem Leykuhlen gewesen, fast eine Fahrlässigkeit war’s zu nennen, daß er, anstatt den Kirchenbau so zu betreiben, nicht lieber eine Wasserleitung gebaut hatte! Er war Bürgermeister – der geistliche Herr war schon alt – er, er mußte es doch wissen, was der Gemeinde am nötigsten tat. Wie lange würde es noch dauern, und man hatte, wenn das Wasser so schlecht wurde, die Krankheit hier, die wie ein Gespenst sich zuzeiten immer wieder sehen ließ im Land.
Der Bauer Adams trank längst wieder aus seinem Brunnen. Was kümmerte es ihn, daß es verboten war?! Sein Nachbar Zumstädtchen tat es ja auch. Aber ein gutes Gewissen hatte er doch nicht dabei. Ja, hätte man nun eine Wasserleitung, wie man sie hätte haben können, vom reinen Wasser des Aubachs, man wäre aller Unruh und allen Ärgers ledig gewesen. Der Leykuhlen, der Leykuhlen mit seiner Kirch, der Teufel sollte ihn holen mitsamt seinem Frommsein!