Josef ging vor die Hecke und sah sich erschrocken um. Ausschaufeln –?! Ach, so schlimm konnte das hier ja nicht werden! Es hatte jetzt wieder aufgehört zu schneien; auf dem feuchten Wiesenplan waren die Flocken nicht liegen geblieben, nur auf den breiten Ästen der Tannen ruhte es noch wie Schwanenflaum. Das sah schön aus. Überhaupt, es mußte ganz herrlich hier sein, wenn Schnee lag. Eine Weiße, eine Reinheit, eine bräutliche Weihe über allem – anders als Schnee in den Niederungen! Nun hatte er keine Angst mehr.

Als am Abend Bäreb bei ihm in der Stube saß, neckte er sie mit ihrem Ausschaufeln. Aber sie blieb dabei: sicher, der Schnee lag oft fast so hoch wie die Hecke, und wenn er recht ruhig und gerade herunterfiel, dann stopfte er die Lücke zwischen Haus und Hecke dicht zu, dann sah man nichts mehr aus den Fenstern; dann wurde es ganz dunkel im Haus, man mußte Licht brennen den ganzen Tag, und morgens konnte man die Tür nicht aufkriegen, so sehr man auch dagegen stemmte und stieß. Und hatte der Herr Josef denn nicht die Kreuze im Venn gesehen? Von hier nicht weit, rechts und links von der großen Chaussee, da standen ihrer manche. Man konnte die Aufschriften nicht mehr lesen, und die Kreuze fielen auch bald um, sie waren ganz schwarz und vermorscht; sie waren dahingesetzt worden für solche, die im Moor versunken, im Schnee erfroren, im Nebel verirrt waren. Wie sie als Kind hüten gegangen, hatte sie manchen Kranz drangehängt und ein Gebet gesprochen für die arme Seele.

Ja, er hatte die Kreuze gesehen. Unvermutet war einmal eines vor ihm aufgetaucht, – ein vermorschtes Holz – halb eingesunken in den schwammigen Boden. Er war fast darüber gestolpert. Es schauderte ihn noch.

Bäreb aber saß und strickte und sprach mit lachendem Mund von all diesen Schrecknissen des Venns.

Nun fehlte nur noch, daß es hier auch Wölfe gab! Es war ihm wie eine Beruhigung, daß der Vetter kam. Er selber war doch noch zu wenig vertraut mit den Verhältnissen, Heinrich wußte hier besser Bescheid. –

Am Mittwoch kamen sie, etwas unpünktlich, sie hatten Mühe gehabt, durchzukommen; auf dem Moor, das man passieren muß, wenn man von der Chaussee abbiegt zur Fangeuse, waren sie zweimal auf dem schmalen Weg stecken geblieben. Sie hatten alle absteigen und die Räder mit anheben müssen, und wenn nicht zufällig noch ein Grenzjäger und ein Feldhüter drüben aus dem Gemeindeforst ihnen zu Hilfe gekommen wären, so hätten sie es überhaupt nicht fertig gebracht.

»Tag, Josef! Is dat ’ne Dreck,« sagte Heinrich, als er abstieg und dem Vetter die Hand schüttelte. »Siehst ja janz wohl aus – no, dat wird Sophie freuen!«

Mit einem wahren Schrecken sah Josef auch den Leutnant von dem hochräderigen Jagdwagen absteigen. Auch der Landrat war mitgekommen. Aber die Freude, Heinrich zu sehen, ließ die unangenehme Empfindung nicht überwiegen. Doch wo steckte Leykuhlen?!

»Ja, der!« Heinrich Schmölder lachte. »Wat denkst du wohl, Jung, dein Freund is jetzt en Persönlichkeit! ’ne populäre Mann! Der reist auf den Dörfern herum, der macht sich lieb Kind – o, reden kann der janz jut! Der wird jewählt, so sicher wie Amen in der Kirch. Der kömmt durch, da is kein Zweifel dran!«

»Er wird unerhört poussiert von gewisser Seite,« sagte der Landrat hinter der vorgehaltenen Hand, und sah sich vorsichtig um nach dem Kutscher und dem Burschen des Leutnants, die Körbe und Decken vom Wagen trugen. Es wäre doch unangenehm, wenn in streng ultramontanen Kreisen solche Äußerung des Landrats kolportiert würde! Das könnte ihm die Stellung sehr erschweren, ihn fast unmöglich machen!