»Er hat wahrscheinlich etwas Wichtigeres vor,« sagte der Landrat; eine kleine Gereiztheit war in seinem Ton. »Gehen wir doch immer heraus, lieber Schmölder!«
»Ja, das sehe ich auch nicht ein, warum wir auf den warten sollen, Papa!« Scheffler sprang auf und zog seine elegante Jagdjoppe stramm. Auch der Landrat war in solch einem eleganten Jagdkostüm.
Desto schäbiger dagegen sah der Fabrikant aus. »Nee, wir warten noch!« Und dann – es mußte ihm wohl auch aufgefallen sein, wie sehr sein Anzug von dem der Gäste abstach – fing er an, lang und breit zu erzählen, warum seine Joppe so geflickt war, und warum es seine Hosen auch waren. Bei diesem Kittel hier hatte ihn eine verwundete Sau letzten Winter zu packen gekriegt, als sie ihn annahm und er nicht mehr Zeit genug hatte zu baumen. Aber er hatte ihr mit der Saufeder den Todesstoß in den Nacken versetzt. Und die Hose hatte ihm ein starker Bock so hübsch zugerichtet von unten nach oben. »Haha!« Er lachte, jetzt noch strahlend über dies Abenteuer. Mit Weidenruten und harten Gräsern hatte er sich die Fetzen ums Bein geschnürt, damit er sich doch einigermaßen wieder sehen lassen konnte. Und dann hatte er den Bock auf den Rücken geladen und hatte ihn selber aus dem Busch herausgeschleppt, so weit, bis die Leute ihn finden konnten, die er nachher ihn holen geschickt. Das, das hier war noch sein Schweiß! Er wies auf die braunen eingetrockneten Flecken. Eine ganze Traufe war den Rücken herunter.
Mit Widerwillen sah Josef hin: wenn Heinrich auf die Jagd zu sprechen kam, war er ohne jedes Empfinden, ohne jegliches Mitleid mit der armen Kreatur. Was würden sie nun wieder für ein Blutbad anrichten! Und doch hatte er sie selber heraufgerufen. Er hätte sich vor die Stirn schlagen mögen: Dummkopf!
Er trat vom Tisch zurück, an dem die Jäger saßen, und lehnte sich tief-verstimmt gegen den Ofen. Stumm verharrte er. Sie waren noch einmal auf Leykuhlen zurückgekommen.
»Ja, meinen Sie denn wirklich, dieser Bauernbürgermeister wäre als Abgeordneter ein Glück für den Kreis?« Der Landrat schien sich noch immer nicht von diesem Thema losreißen zu können. »Er ist doch zu wenig gebildet, zu wenig weitsichtig, zu eng!« Er sah sich um, als fürchte er einen Lauscher, und sprach dann gedämpft: »Unter uns gesagt: zu bigott!«
Schmölder lachte. »No, ’nen Zentrumsmann wählen wir ja doch! Schwarz ist Trumpf. Und da is der Leykuhlen am End ebensojut wie ’ne andere! Mir is et übrijens janz Wurscht! Ich wünscht, ich schöß diese Nacht ’ne Sechzehnender. Dat wär noch wat!« Er schlug sich aufs Knie.
»Ich meinesteils würde es für höchst bedauerlich erachten, und als ein betrübendes Zeichen für unseren Kulturzustand,« sagte Mühlenbrink scharf, »wenn man keinen anderen Mann fände als Leykuhlen. Ich lasse ihm volle Gerechtigkeit widerfahren, er hat sich ohne Zweifel so weit herausgemacht, wie sich so ein Bauer eben herausmachen kann. Aber ich bitte Sie, er ist ja ganz verbohrt. Ich nehme es ihm kolossal übel, daß er sich so gegen eine Wasserleitung sperrt, anstatt meine Bestrebungen mit all dem Einfluß, den er ohne Zweifel besitzt, aufs lebhafteste zu unterstützen. Die Typhusfälle will er nicht mit den Brunnen in Verbindung gebracht wissen – aber selbstverständlich, ganz natürlich kommen sie daher! Wissen Sie, was er mir sagte, als ich ihn deswegen interpellierte, – vor ein paar Tagen war’s – da sagte er mir: ›Wir stehen in Gottes Hand!‹ Selbstverständlich, das tun wir, aber man kann sich doch nicht einfach dabei beruhigen. Nein, mit solch einem Mann ist uns nicht gedient!«
»No, warum dann nit?« Heinrich Schmölder gähnte. »Ob der oder der! So’ne sitzen ihrer ’ne janze Meng im Reichstag und Landtag, und dat sind die schlechtesten noch nit. Wenn ich nur wüßt, wo der Leykuhlen bleibt?! Da schreit schon wieder einer – Donnerwetter!«
Er war aufgesprungen und schritt nun ungeduldig mit knarrenden Stiefeln im Zimmerchen hin und her. »Nu jeht’s aber bald los!«