Josef war an den Tisch getreten, an dem der Landrat noch sitzen geblieben war. Er wußte selbst nicht, woher ihm heute die Kampfeslust kam; er war gereizt. Er glaubte zu fühlen, daß der Bürgermeister in diesem hier einen Widersacher habe. »Leykuhlen ist mein Freund,« sagte er, »und ich glaube ihn besser zu kennen als Sie, Herr Landrat – pardon! Sie sehen ihn eben nur vom geschäftlichen Standpunkt aus, ich aber doch noch von einem anderen. Er ist der beste, selbstloseste, edelste Mensch, den ich kenne. Und bei all seiner anscheinenden Rückständigkeit von einem scharfen und klaren Verstand!« Immer lauter erhob er die Stimme. »Wenn Leykuhlen nicht wie einer dazu berufen ist, hier den Kreis zu vertreten, dann will ich nicht schwarz von weiß mehr unterscheiden können! Leykuhlen, der Land und Leute so genau kennt wie sonst keiner, der sie so liebt, ist der berufene Mann, er –«
»Dank dir, Josef,« sagte jetzt draußen eine Stimme. Es pochte an den vorgelegten Laden, und gleich darauf trappte der starke Schritt einer nägelbeschlagenen Sohle in den Flur.
»Da ist er!« Lebhaft eilte Josef zur Tür.
Leykuhlen trat ein: »’n Abend zusammen!« Er begrüßte die Anwesenden ganz ohne Verlegenheit. Sein Gesicht war gerötet von der starken Luft und angeregt durch einen weiten und scharfen Gang; seine Augen waren hell, es war eine tief-innere Genugtuung und Freudigkeit, die aus ihnen strahlte. Er sah um Jahre jünger aus, als zur Zeit der Dürre. Einen Strom von Frische brachte er mit ins verqualmte Zimmerchen.
»Sie kommen ja so spät?« brummte Heinrich Schmölder.
»Ich bin pünktlich, Herr Schmölder. Hier« – er hielt die Uhr hin – »Schlag neun. Ich wär aber schon wat eher dajewesen, wenn ich den Bräuer nit anjetroffen hätt. Wir haben lang jestanden. Der Mann will weg. Er wollt schon zum Oktober, aber sie haben ihn noch nit jelassen. Nu jeht er April!«
»Ich weiß schon, ich weiß schon!« Der Landrat nickte. »Schade, jammerschade! Die Sache ging unter ihm so wundervoll voran. Er war ganz der Mann, den wir brauchen. Wenn wir ihn nur halten könnten!«
»Den halten Sie nit!« Leykuhlen lachte. »Den zieht dat Weib. Sie müssen schon suchen, ’ne andere zu finden!«
»Aber wo?« Der Landrat seufzte und stützte bekümmert den Kopf: die Kolonisation lag ihm doch so am Herzen, hatte ihm so ganz besondere Freude gemacht, einen zweiten Bräuer, der das Gesindel so famos in Ordnung und so zur tüchtigen Arbeit anhielt, fand man so leicht nicht wieder!
»Ich finde ihn roh,« sagte Josef; er gedachte des blassen Sträflings und der Schimpfworte des Aufsehers. »Etwas mehr Milde in der Behandlung könnte nichts schaden. Man schickt doch die Leute hierher, nicht allein, daß sie wie Lasttiere arbeiten, arbeiten, und immer wieder arbeiten, sondern auch, daß sie durch dieses Leben ganz in und mit der Natur selber einen Vorteil haben – innerlich. Diese armen Kerle! Wieviel Qual, wieviel Verzweiflung mag sich unter diesen wehenden Leinenkitteln bergen! Wenn ihnen diese große, ungehindert-strahlende Sonne täglich ins Gesicht scheint, ob sie ihnen da wohl zuletzt auch ins Herz scheint? Ich hoffe. Manches Dunkel wird sich da lichten. Und diese vielen Blumen, die auf der weiten, duftenden Vennheide blühen, blühen sie nicht auch für sie, für die, denen sonst keine Blume blüht in der Welt der sogenannten Kultur, von deren Segnungen sie wenig, von deren Nachteilen sie desto mehr verspürt haben?! Nein, dieser Bräuer sollte nicht so grob schreien – es verletzt!« Josef hielt sich die Hände gegen die Ohren; noch immer gellte ihm der barsche Ton des Aufsehers darin. »Achtung vor diesen Leuten! Auch sie sind Kulturbringer. Wir dürfen sie nicht gering achten!«