»Sie sind ein Dichter!« Der Landrat lächelte ein wenig maliziös.
Leykuhlen legte dem heiß und rot Gewordenen die Hand auf die Schulter: »Dat is sehr nett von dir, Josef, dat du Mitleid mit den Leuten hast, und dat du so en jute Meinung von unserm Venn hast. Ich bin kein Dichter, ich muß dir sagen: mir wär et lieber, wir hätten die Nachbarschaft nit. So ’ne Sträfling!« Er zuckte die Achseln. »Unsere Heckenbroicher hatten bislang noch keinen zu sehen jekriegt. Und wat wußten unsere Leut von all den Verjehen und Verfehlungen, von all den Sünden, die sich jetzt da oben anjesammelt haben wie ’ne Haufen Unflat. Jeh mir, Josef, mit deinen Kulturbringern! Überhaupt, Kultur – wat redt man jetzt doch immer so viel von Kultur?! Dat is jetzt so’n Schlagwort!« Er kehrte sich gegen Mühlenbrink: »Sie jebrauchen dat auch immer, Herr Landrat! Die höchste Blüte der Kultur ist die christliche Religion, Herr Landrat!« Er hatte das ganz ruhig gesagt, aber mit einer gewissen triumphierenden Freudigkeit.
Und diese reizte den Landrat. Er fuhr auf: »Natürlich, von Ihnen habe ich das ja gar nicht anders erwartet, von Ihnen, der Sie prinzipiell gegen jeden Fortschritt sind, sei’s wo es sei, in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung! Sie wollen ja gar keine Aufklärung. Ebenso wie Sie an Ihren licht- und luftraubenden Hecken festhalten, ebenso halten Sie krampfhaft die Schranken aufgerichtet gegen jedes geistige Moment!«
Der Bürgermeister lächelte. »Warum soll ich dat nit tun, Herr Landrat? Sagen Sie mir, wat wir eintauschen, Herr Landrat? Wenn dat den Eintausch wert is, dann will ich Ihnen jern recht jeben. Ich bin nit verbohrt!«
»Doch sind Sie das!« Der Landrat wurde blaß und dann glühend rot. »Sie lassen es ja auch noch zu, ja, Sie begünstigen es sogar – o, ich weiß es wohl – daß man bei Ihnen nach Echternach springen geht. In Heckenbroich läßt man sich nicht genügen mit Mariawald, mit Heimbach und anderen Wallfahrtsorten hiesiger Gegend, man pilgert sogar bis nach Echternach, um da zu springen. Springprozession – eine Sache, die mir und auch anderen guten Katholiken eher ein peinlicher Anstoß ist als eine Erbauung! Wir dürfen uns doch nicht ins dunkle Mittelalter zurückschrauben. Das geht einfach nicht!«
»Dat wollen wir auch jar nit! Aber wenn Sie wüßten, wat für ’ne Segen Echternach in diesem Fall – wir können nur von einem Fall sprechen, nur die Barbara Huesgen aus unserem Dorf ist springen gewesen – wat für ’ne Segen Echternach für die Leut jeworden is, Sie würden nit von Mittelalter und von Dunkelheit sprechen. Aber sei dem wie ihm sei,« – der Bürgermeister machte mit seiner großen Hand eine entsprechende Bewegung – »et kömmt mir nit zu, zu trennen: hier Jlaube, da Aberjlaube – hier fängt dat Wunder an und da der Humbug – spotten is immer billig, und mer hat noch die Lacher auf seiner Seit – ich sag nur: der Jlaube macht selig! Und der Jlaube schafft auch Wunder. Und hier hat er en Wunder jetan. Den Huesgen ihr Dores, en blöd, armselig Jüngelchen, von Krämpfen heimgesucht, von klein an en Plag für die armen Leut, für den dat brave Mädchen in rührender Schwesterlieb springen gewesen is nach Echternach, den hat der Heilige nun zu sich jenommen in die Seligkeit. Und die Leut leben nun auf, die Mutter is jesund« –
Ein lautes Aufschluchzen unterbrach plötzlich Leykuhlen. Bäreb war eingetreten, ungehört; sie hatte melden wollen, daß der Waldhüter draußen sei, um nun mit den Herren zu gehen. Niemand hatte ihrer geachtet; selbst Schmölder, trotz seiner Jagdunruhe, hatte aufmerksam dem Bürgermeister gelauscht. Nun schraken sie alle zusammen, die Tür klappte hastig zu.
Was hatte denn die Bäreb?! Josef eilte ihr nach. Als er den dunklen Flur entlangtappte mit ausgestreckten Händen, fühlte er sie an der Wand stehen, die Stirn gegen die kalte Mauer gelehnt.
»Bäreb, warum weinst du? Bäreb, was ist dir?!«
Aber sie gab keine Antwort. Förmlich besorgt wurde er; sie weinte wie aufgelöst, wie hingenommen von einer großen seelischen Erschütterung.