»Bäreb, was ist dir geschehen? Hat dir jemand etwas zu leid getan? Hast du Heimweh bekommen? Weinst du um das verstorbene Brüderchen? Bäreb, Kind, Mädchen, so sage es doch!« Er bedrängte sie förmlich; dieses Weinen ängstigte ihn.

Aber eine Antwort, die er verstand, bekam er doch nicht. Sie stieß nur hervor unter einem zitternden, wie befreienden Atemzug: »Och, oß Burjermeester, oß Burjermeester! Och, dat is ’ne Mann! De weiß doch alles! Oß Doresche, oß Doresche, dem jeht et jo nu esu jot. Et hat ihm doch jeholfen! Et hat ihm doch jeholfen! Jelobt seist du, heiliger Willibrord!«

Das klang ja unter bitterem Weinen wie heller Jubel?! Merkwürdig! Aber er war froh, daß sie sich nun beruhigte. Mit der Schürze wischte sie sich die Augen aus; und als sie dann hineinging, um noch einmal den Waldhüter zu melden, strahlte ihr hochgerötetes Gesicht von einer so großen Freude, als ob sie ein seliges Glück zu verkünden hätte.

»Hübsches Mädel,« sagte Scheffler, sie fixierend.

Heinrich Schmölder rief sie zu sich heran und kniff ihr die Wange: »No, Mädchen, wie jefällt et dir dann hier oben?«

»O, Herr Schmölder, de Herr Josef is jo esu jot!«

Da wollte sich Heinrich halbtot lachen. »Na, na!« Er drohte dem Vetter. »Du du, sei nur nit zu jut, du alter Schwernöter!«

Josef wollte aufbrausen, aber Leykuhlen kam ihm zu Hilfe: »Ärger dich nit, Josef! Sehen Sie, Herr Landrat,« – er kehrte sich zu diesem hin und reckte seine hohe Gestalt wie in stolzer Zuversichtlichkeit noch höher – »sehen Sie, wo anders könnt dat wohl nit jut sein, en jung Mädchen unter so ’nen Verhältnissen hier oben. Aber bei uns braucht mer nit bang zu sein. So wat is ausjeschlossen bei uns, – wir haben eben unsere Kultur

»Ja, du hast recht, Bärtes!« Josef legte ihm den Arm um die Schultern. »Das ist ein Mädchen, so lauter, so rein, so unberührt wie euere Natur hier – die Natur selber! Geht mir mit euerer Kultur!« Enthusiastisch streckte er die Hand aus. »Was war ich denn da unten? Hier bin ich erst Mensch geworden im höheren Sinne. Hier liege ich an der Brust der Natur und gesunde. Du hast recht, Bärtes, daß du dich wehrst gegen alles von außen! Ihr sitzt hinter eueren Hecken – mit beschränktem Horizont, das will ich zugeben – ihr wißt nichts von der Welt da draußen, aber ihr habt eine andere Welt hinter eueren Hecken, eine reinere, edlere. Laßt euch die Hecken nicht niederreißen, erhaltet sie mit Bedacht! Was gibt man euch denn für die Reinheit euerer Herzen, für die Einfalt euerer Sitten, für die Zufriedenheit eueres Lebens?!«

»Und für die Jewißheit, zur ewigen Seligkeit einzujehen,« schloß Leykuhlen lächelnd. »Mehr Kultur, denk ich, tut niemandem nötig, Herr Landrat!«