XIV

Nun waren sie wieder allein. Josef sagte es sich mit tiefem Aufatmen; aber ein bitterer Nachgeschmack war ihm doch geblieben, er konnte sich nicht mehr mit so reinem Gefühl wie bisher dem Frieden des Lebens hier hingeben.

Wie geschmacklos von Heinrich, ihm noch beim Aufsteigen auf den Wagen, als er Abschied nehmend am Tritt stand und Bäreb in der Tür, mit dem Finger zu drohen und dann nach dem Mädchen hinzublinzeln: »Vorsicht, alter Junge!« Und dieser Scheffler hatte dazu gegrient. Gräßlich, gräßlich! Ein Glück, daß die Bäreb Heinrichs Anspielung nicht verstanden hatte!

Sie war unbefangen wie immer. Aber Josef war es nicht mehr. Fast scheu ging er ihr aus dem Wege. Warum kam sie denn immer herein und störte ihn und wollte schwatzen?! Er wollte nichts wissen. In Ruhe lassen sollte sie ihn! Zum ersten Mal, seit sie miteinander hausten, fuhr er sie unwirsch an, und hernach tat es ihm doch wieder leid; es kam ihm vor, als hätte sie rotgeweinte Augen. Er entschuldigte sich. Aber da stellte es sich heraus, daß sie gar nicht deswegen geweint hatte. O, der Herr Josef konnte schelten mit ihr, soviel er wollte, der war wie ihr Vater! Dabei sah sie ihn mit ihren schönen Augen so treuherzig an, daß ihm das Blut zu Kopf schoß. Sie war wirklich rührend in ihrer Demut; aber zugleich ärgerte er sich, daß sie ihn auf dieselbe Stufe mit ihrem Vater stellte: zählte er auch vielleicht an Jahren nicht viel weniger als der Weber, es war doch etwas anderes mit ihm als mit diesem abgearbeiteten, verbrauchten Manne! Unwillkürlich richtete Josef seine schlanke, noch sehr elastische Figur stramm auf und strich den Schnurrbart, dessen Blond noch nicht wie das des Kopfes mit Grau untermischt war. Wenn sie nicht deswegen geweint hatte, warum denn? Da errötete sie und stammelte verlegen, daß sie gern wieder einmal herunter zu den Ihren möchte. Und vor allem in die Kirche. Nun, seit sie den Bürgermeister gesehen und gehört hatte, standen das Dorf mit seinen Hecken, das Elternhaus mit all den Geschwistern, die Kirche mit ihrem Turm, so lebendig vor ihr, daß es sie zog an Händen und Füßen. Die Tränen kamen ihr schon wieder.

Da stieß er rasch heraus: »Geh, geh, wenn du willst, ich habe dir doch nichts in den Weg gelegt. Geh!« –

Sie war am Sonntag aufgebrochen in aller Morgenfrühe, noch war es nicht hell. Er hatte sie aufstehen hören und in der Kammer hin und her gehen. Es war ihm ganz recht, daß sie fortging; nun genoß er doch einmal die Einsamkeit ganz, aber auch ganz ungestört, in so vollen Zügen, als wäre die Natur nur einzig für ihn allein da. Er blieb noch eine Weile liegen. Sonst störte ihn oft am Morgen ihr Klappern in der Küche, das Knarren der Kaffeemühle, das Klirren der Herdringe; heute hörte er nichts. Nicht ein Atemzug war im Haus. Heute hätte er schlafen können bis in die Unendlichkeit, aber heute konnte er nicht. Gähnend raffte er sich auf: rasch nur jetzt auf und heraus! Die Sonne schien, es war noch ein guter Tag. Und im Hause würde es heute wohl etwas frostig sein?! Aber als er ins Wohnzimmerchen kam, knisterte dort das Feuer, und in der Küche stand der Kaffee für ihn warm. Es war alles wie immer, nur das bräunliche Gesicht mit den schwarzen Augen fehlte, das ihm sonst alle Morgen zulächelte. Wie sehr man sich an jemanden gewöhnen kann!

Den ganzen Tag trieb sich Josef draußen umher. An das Essen dachte er nicht; sie hatten zwar gestern verabredet, daß es Bäreb in die Herdröhre setzen sollte, aber er vergaß es. Nun war er Robinson, nun lebte er auf einer wüsten Insel; er hatte sich das als Knabe immer gewünscht. Und doch sollte das knabenhafte Entzücken sich heute nicht mehr einfinden. Wohl fühlte er einen Schauer, als er allein, ganz allein auf dem kleinen Wiesenplan stand – weltenfern die Stätten der Menschheit – als er, einsam unter den schwarzen Tannen dahinschreitend, deren Wurzeln tief ins Moor hinabreichen, sich sagen konnte: wenn du jetzt rufst, es hört dich keiner! Aber es war ein leises Unbehagen in diesem Schauer.

Huh, war das eine Öde! Er war durch eine Lücke aus den Tannen heraus ins Freie getreten. Hier war die Jagdkanzel oben auf dem Baum, von hier aus hatte Heinrich neulich den großen Hirsch geschossen, als er draußen im offenen Venn stand und ins Freie orgelte. Ein Blitz, ein Knall, das Tier hatte das stolze Haupt geschüttelt – ein Satz – hier, hier hatte es sich noch davongeschleift, eine tiefe Spur hatte der schwere Leib im Gestrüpp gezogen. Noch jetzt, nach Tagen, sah man die Fährte hundert Ellen weit. Und hier war der Hirsch zusammengebrochen. Ein brillanter Schuß. Der glückliche Schütze hatte gar nicht genug damit prahlen können.

Josef sah den getrockneten Schweiß auf dem Moos und wendete sich rasch ab; die Lust war ihm vergangen, hier zu spazieren. Er kehrte in den Tannenwald zurück. Aber aus dem Dickicht wechselte plötzlich eine Wildsau, und wenn er sie auch nicht fürchtete, es war doch kein angenehmes Gefühl, ohne Flinte, ohne jegliche Waffe, selbst ohne Stock zu sein.

Wohin er sich heute auch wendete, es behagte ihm nicht. Er war unruhig, unzufrieden, von einer Nervosität befallen, die ihn bisher auf der Fangeuse nicht heimgesucht hatte. Das war ja noch dieselbe unendliche Weite, die wie die Heide der Niederung erscheint, fast flach, nur leise wellenförmig bewegt, und auf der man doch nie vergißt, wie hoch, hoch oben man ist. Blauer Horizont grenzte ihr purpurnes Braun ein. Und dahinten, da weit, da ganz unten waren die Berge, die Flüsse, die Täler, Menschen wohnten da, lachten und freuten sich, kämpften und litten! Das war alles noch wie sonst. Hier war nur die Einsamkeit. Aber sie ging wie eine graue Frau mit gesenktem Kopf über das dämmernde Moorland und wob am Netze der Schwermut, dem niemand entrinnt.