Josef fühlte eine tiefe Bangigkeit. Er stand und starrte, hätte sich gern losgerissen und konnte doch nicht. Es saugte ihm etwas an der Seele. Langsam, wie mit geschlossenen Füßen, schob er sich voran.
Ein Stein lag mitten im Heidebraun, halb eingesunken, und doch noch fast so groß wie ein Haus. Es gab deren viele im Venn, sie sollten einstmals vom Himmel heruntergefallen sein. So sahen sie auch aus; hingeschleudert, hingeworfen von Riesen in plötzlichem Unmut. Er kroch auf den lagernden Block, den Regen und Stürme geschliffen hatten, setzte sich oben nieder und starrte ins Weite. Eine ununterbrochene Kette von Gedanken, deren Schlußglied sich nicht einfand, umschlang ihn quälend.
Was sollte werden? Ewig konnte er doch nicht hier oben bleiben, denn wenn Bäreb einmal fortging von ihm, dann blieb auch er nicht mehr auf der Fangeuse. Nein! Er schüttelte, die Stirn in viele Falten ziehend, den Kopf, und dann lächelte er wehmütig: sie würde ja einmal fortziehen, sie mußte doch heiraten, solche Mädchen heiraten immer. Ob sie heute recht glücklich war unten bei den Ihren? Sicherlich. Er hatte ihr Geld geschenkt; das würde sie nun der Mutter schenken, und den Geschwistern würde sie etwas mitbringen, ihnen kaufen, was sie nur Schönes im Dorfladen fand. Es würde da unten ein Jubel sein. Er fühlte fast Neid: schade, daß er das nicht mit ansehen konnte! Bäreb konnte sich freuen wie ein Kind, nicht ganz so laut und nicht so heftig mehr, aber ganz so unbefangen.
Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: huh, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam’s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner – schwerfälliges, träges Gevögel – sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venn-Gedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Er kniff die Augen zu. Hier war zu viel Raum, zu viel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht.
Wie ein Zerschlagener kam er heim. Und dann fing die Ungewißheit an, ihn zu peinigen: ob sie nun bald kam, oder erst spät auf den Abend? Oder ob sie gar am Ende erst morgen früh wiederkam? Wer weiß, die Ihren hatten sie nicht mehr fortgelassen, es ward ja schon dunkel! Er sah nach der Uhr. Wenn sie nun nicht bald kam, ging er noch einmal hinaus und ihr entgegen.
Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke, so dicht gefügt sie auch war aus armesdickem Astwerk, ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten; man hörte ihr Stöhnen bis hinein ins Zimmer.
Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel und dunstig. Rastlos schritt er auf und nieder; ihm war bange. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, er riß sie auf: draußen konnte es ja nicht unerträglicher sein! Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?!
Zum ersten Mal kam auch ihm der Zweifel, den alle anderen schon vor ihm gehabt hatten: würde er’s auch aushalten hier oben?! Er lehnte sich niedergeschlagen gegen die kalte Wand im dunklen Flur und seufzte. Eine lange, lange Reihe öder Tage gähnte ihn an – da hörte er plötzlich draußen, in der atemschöpfenden Stille zwischen zwei lärmenden Windstößen, einen hurtigen Tritt. Die Tür flog auf, Bäreb wehte herein mit zerzausten Haaren, das bunte Kopftuch im Nacken, durchnäßt, erhitzt.
Ihre Augen strahlten ihn an, der dunkle Flur war auf einmal nicht mehr so dunkel. »Do bin ich, Hähr Josef!«
Er konnte nicht an sich halten – er war ja so froh, sie wieder zu haben – er riß sie heftig mit beiden Händen zu sich heran und küßte sie.