Sie ließ sich den Kuß gefallen; sie leistete nicht den geringsten Widerstand, als er hastig, wie verdurstet, seine Lippen auf ihren Mund drückte. War dieser Mund frisch, den hatte noch kein anderer vor ihm berührt! Das Blut stieg ihm siedend zu Kopf, er fühlte sich auf einmal wie neu belebt, verjüngt – – – aber dann wich ihm alles Blut jäh aus dem Gesicht zurück: nein, das durfte nicht sein, dieses Mädchen durfte er nicht küssen! Alle, alle Mädchen der Welt, es war kein Unrecht dabei; aber diese, diese hier nicht!
Mit Mühe unterdrückte er das Beben seiner Stimme und zwang sich zu ruhigem Ton: »Nun, mein Kind, war’s schön zu Haus?« Und dann drehte er sich von ihr ab, ging zur Stube hinein und machte die Tür hinter sich zu.
Aber sie kam ihm nach. Ihr Herz war zu voll, sie mußte es ihm erzählen, wie gut es der Mutter jetzt ging, wie das Kleine trefflich gedieh, wie die Maiblum so reichlich Milch gab, daß sie alle Tage Suppe kochen konnten, und daß Kathrinchen vom reichen Adams außer den Schuhen noch ein Extratrinkgeld bekommen hatte, weil von den Kühen, die sie ihm im Sommer hüten gegangen, keine, aber auch gar keine zu Schaden gekommen war. Nun konnte das Kathrinchen nicht mehr hüten, nun ging es wieder in die Schule. Und auf des Dores Grab war ein Kreuzchen gekommen, darauf stand zu lesen:
›Vater, Mutter, tröstet euch,
Ich bin jetzt im Himmelreich!‹
Nun weinte die Mutter nicht mehr. Sie betete alle Abend zur allerheiligsten Mutter von Lourdes, und alle Morgen zum heiligen Willibrord; zu den zweien, denen sie am meisten zu danken hatte.
Bäreb lachte froh: ja, wenn der Mutter nicht dazumal, gerade als es ihr am allerschlechtesten ging, die heilige Frau an der Ley begegnet wäre, wer weiß, ob sie, die Bäreb, dann nach Echternach springen gegangen wäre! Sie sprach es gedämpft, wie mit andächtiger Scheu. Und ein nachdenklich-ernsthafter Zug, der ihrem harmlosen Gesicht sonst fremd war, ließ es älter erscheinen.
Josef hatte gar nicht recht hingehört auf das, was sie sagte. Im Lehnstuhl saß er, hatte den Arm auf die Seitenlehne gestützt und beobachtete sie hinter der vorgehaltenen Hand. Wie hübsch sie aussah, wie besonders hübsch! Auf ihren bräunlichen Wangen glühte ein tiefes Rot, ihre Augen waren feucht. Es gab vielleicht Schönere! Josef schloß einen Moment lächelnd die Augen, Gestalten huschten an seiner Erinnerung vorüber. Er hatte viele schöne Frauen gekannt, die Welt war weit, aber so, wie dieses Mädchen hier, hatte ihm doch keine gefallen!
»Geh,« murmelte er – er war ganz heiser – »geh, zieh dich um, du bist ja ganz naß. Ich will allein sein!«