Das wurde eine böse Nacht. Waren denn alle Geister des Venns lebendig geworden und jammerten?
Josef hörte das Mädchen ruhig atmen – oh, die focht nichts an! Aber ihn. Er fluchte dem Lärm draußen, er fand keinen Schlaf. Oder war es etwas anderes, das ihm die Ruhe verscheuchte? Ihm war es heiß, glühend, trotzdem es kalt in der Kammer war; der Wind schnob durch alle Ritzen bis hin an sein Bett. Und dem Toben draußen gesellte sich der Aufruhr innen. Hier – hier! Er schlug sich wütend mit der flachen Hand gegen die Brust, so heftig, daß ihn ein Husten erschütterte. Sollte es nun auch schon wieder aus sein mit ihm hier an diesem Platz, sollte er so rasch wieder das Leben hier aufgeben, es wechseln, wie man ein Kleidungsstück wechselt, das man noch gar nicht zu Ende getragen hat?! Er war verzweifelt über sich selber. Alter Tor! Ja, Heinrich hatte ganz recht, der wußte besser Bescheid über ihn, als er über sich selber: er taugte zu nichts. Er hatte keine Energie. Nicht einmal diesem hier war er gewachsen. Und – aber was war denn eigentlich weiter dabei, daß er der schönen Bäreb einen Kuß gegeben hatte?! Sie würde den bald vergessen. Vielleicht hatte sie ihn schon vergessen, ihn kaum gefühlt!
Er lauschte angestrengt: ob sie wirklich so ruhig schlafen konnte? Es wurmte ihn, es kränkte ihn. Wie es an der Hecke riß, an den Läden klapperte! Jetzt stürzte ein Dachziegel – krach. Aha, jetzt wälzte sie sich! Jetzt tat sie einen zitternden Seufzer! Jetzt stammelte sie: »Jesus Maria!«
Josef saß im Bett aufrecht, umstürmt und durchstürmt. Mit einer jähen Aufwallung von Freude hatte es ihn durchzuckt: ah, sie konnte auch nicht schlafen! Aber gleich darauf schämte er sich dieser Freude: nein, alle Nacht sollte sie einen so friedlichen, unschuldigen, ungestörten Schlaf haben, den harmlosen Schlaf der Kindheit!
Josef hatte Tränen in den Augen. Er war froh, daß es draußen gewaltig stürmte, so konnte er es sich doch selber weismachen, daß er deshalb nicht schlafen konnte. Mochte sie nebenan schlafen oder nicht schlafen, ruhig atmen oder zitternd seufzen, er versenkte sich ganz in das Toben der Nacht. Ob die sich anderwärts auch so wild gebärdete? Wie mußte das Haus der Strafkolonie, das einsame Haus ohne Hecke, sich ducken! Zitternd hockten die Menschen darin; mußten sie nicht wähnen, weggefegt zu werden, nicht denken, Weltuntergang sei da?
Es toste in den Lüften, es brüllte und lärmte. Jetzt rollte ein Getöse sich vom Grenzbach herauf. War das ein gewaltiger Hirsch, der da in den Tannen orgelte? Nein, der Sturm, der Sturm. Er übertönte alles Sterbliche. Das war eine ohrenbetäubende Musik, die Musik des jüngsten Gerichts. Wohl dem, der sie hören konnte mit reinem Herzen!
Die Bäreb schlief wieder ganz fest – horch, wie sie gleichmäßig atmete! Ja, die hatte nichts zu bereuen. Aber die armen Strafgefangenen! Huh, wie sie zitterten in ihren Leinenkitteln, aufgestanden waren sie alle, der barsche Aufseher hatte sie aufgetrieben; sie wußten ja nicht, ob das Dach ihnen nicht über den Köpfen aufflog!
Josef stellte sich die nächtlichen Gestalten deutlich vor – ein zitternder, erbärmlicher Spuk – er versuchte wieder das alte Mitleid mit ihnen zu finden, und fand zuletzt doch nur Mitleid für sich allein. War es nicht scheußlich für ihn, hier einsam zu liegen und sich so zu quälen? Wenn er nun aufstünde, wenn er nun einträte nebenan –?! Pfui! Er kniff die Augen zusammen und preßte die beiden Hände gegen das Gesicht. Nein, das wäre gemein, an die Unschuld zu rühren! Das ging ihm gegen die Ehre.
So lag er kämpfend, lange, lange, bis das Brüllen im Venn nachließ, bis es aber auch schien, als sei kein Ziegel mehr auf dem Dach, kein Laden am Haus mehr, kein Blatt mehr an der Hecke und auch keine Tanne mehr im Forst. Alles mußte der Sturm weggerissen haben, weggeknickt, wegrasiert, als sei es nie dagewesen. Resigniert schlief Josef ein.
Die Stimme Bärebs weckte ihn. Es klopfte an seiner Kammertür: »Hähr Josef, Hähr Josef, nu stoht äwer up, et is esu spiet!«