Was, schon spät? Es war ja noch dunkel! Er sprang aus dem Bett. Was wollte sie denn, konnte sie ihn denn nicht wenigstens jetzt in Ruhe lassen?!

»Hähr, Hähr,« – Bäreb lachte fröhlich – »et is am Schneie, ärg am Schneie! Mir schneien ein!« –

Und sie schneiten ein.

Die Tannen hatte der Sturm nicht weggefegt, noch standen sie unversehrt, sie waren das starke Wehen gewohnt, aber nun schienen sie doch fast brechen zu müssen unter Schneelasten. Ihre Wipfel neigten sich demütig tief. Schnee, Schnee, Schnee, alle Tage und alle Nächte. Die Stürme schwiegen. Ganz ohne Geräusch, sammetweich, sank der weiße Flaum und schichtete sich höher von Stunde zu Stunde. Man sah ihn steigen wie die Flut, unwiderruflich, unentrinnbar; aber eine Ebbe kam nicht.

Erst hatten sie wacker geschafft auf der Fangeuse. Sie hatten sich Ein- und Ausgang freigehalten; Josef half der Magd täglich einen Gang schaufeln, von der Haustür bis zum Heckenausgang, von da zum Brunnen, und von da weiter bis hin zum Wiesenplan. Er war in den ersten Tagen tüchtig umhergestapft und hatte sich nicht satt sehen können an der reinen, makellosen Weiße; es war ihm, als lägen auch alle Wünsche und Begierden unter dieser Decke und schlummerten ein. Aber das stete Weiß tat bald seinen Augen weh, sie brannten und flimmerten; die ungeheure Monotonie des Weiß fing an, ihn zu langweilen, mehr als das, ihn zu beängstigen. Er fühlte eine heimliche Angst. Vor was? Er hätte sie nicht erklären können. Aber die Angst war da, er fühlte sie genau, sie war keine Täuschung. Sie lauerte auf ihn in der endlos-unabsehbaren Einöde von Schnee, hinter diesen weißen, tiefgeneigten Tannen, in diesem Haus, das versunken lag hinter einer Mauer von Schnee. Die Hecke war zum Schneewall geworden. Grau war die Luft, die Ferne verhangen; man war wie geschieden von allem, was lebt, durch eine graue Wand. Man wußte, da unten tief lagen Städte und Dörfer, in denen Schlöte rauchten und Menschen wohnten, aber zu sehen war nichts von ihnen, gar nichts. Nicht einmal bis zum Grenzbach konnte man hinunterkommen, oder in anderer Richtung bis hin zur Chaussee gelangen. Josef wollte dem Landbriefträger entgegengehen, es verlangte ihn so nach den Zeitungen, aber er sank ein bis an die Kniee, und als er’s doch erzwingen wollte, sogar bis an die Hüften. Mit Mühe nur kam er wieder heraus. Geschwitzt, ermattet, fröstelnd, von bangen Ahnungen durchschauert, kehrte er wieder ins Haus zurück.

Die Post blieb aus.

Im Haus war’s warm; an Heizmaterial hatten sie keinen Mangel, Holz und Torf waren genug aufgeschichtet im Schuppen, und Bäreb hatte fleißig Tannenäpfel und Reisig gesammelt. Nun war es eigentlich gemütlich in der starkgeheizten Stube, die Fenster liefen an, man konnte nicht einmal die Hecke draußen mehr sehen. Und es wurde am Mittag schon dunkel; frühe Dämmerung sank hernieder, ebenso lautlos und geisterhaft still wie der großflockige weiße Schnee. Am Himmel zwängte kein Stern sich durch, einzige Helle gab nur noch der Schnee; aber diese Helle war kein Licht, sie war nur bleicher, matter, gespenstischer Widerschein. Und nirgend ein Laut.

Josef schrak zusammen, wenn Bäreb etwas sprach. Sie saß jetzt fast den ganzen Tag hier innen; die Küche hatte Steinfliesen, man konnte sie bei der Witterung doch nicht da sitzen lassen. Verstört fuhr er dann von seinen Büchern auf. Er hatte lesen wollen und las doch nicht; er hatte geträumt. In solcher Abgeschiedenheit müßte es schön sein, sehr schön, wenn man glücklich ist! Ihm war sie schrecklich.

»Und so ist es immer bei euch, alle Winter?«

Sie lachte und nickte: ja, so war’s immer, wenn’s auch nicht gerad so viel Schnee gab wie dieses Jahr.