Wenn doch der Postbote wenigstens morgen käme! Aber auch dann blieb er aus. Über acht Tage hatte man nun schon keine Kunde mehr, daß es noch eine Welt gab. Die da unten hatten ihn wohl ganz vergessen?!

Es war eine Erlösung, als endlich, an einem Mittag, als Josef schon beinahe die Hoffnung aufgegeben hatte, der Briefträger erschien. Mit einer an Gier grenzenden Eilfertigkeit riß Josef den Brief auf, den er erhielt. Heinrich schrieb, man hätte Schnee unten, da hätte man gewiß oben noch viel mehr Schnee, ob Josef nicht lieber herunterkommen wollte? Er sollte Nachricht geben durch den Mann, damit ihn ein Schlitten holen käme.

Sehr nett von Heinrich! Aber, aber – Josef sah nach Bäreb hin. Sie saß auf der Bank unterm Fenster und sah zu, wie es dem Boten, dem sie eine Tasse Kaffee heiß gemacht hatte, schmeckte. Wie blühend sie aussah, wieviel gesünder und runder, als da sie noch unten in der Fabrik arbeitete! Dann würde sie wieder dort arbeiten müssen – nein, es war nicht möglich, daß er ging! Um Bärebs willen nicht. Er mußte aushalten.

Er gab dem Briefträger die Antwort an Heinrich mit: es gefiele ihm noch ganz gut, noch immer sehr gut, und wenn es bald aufhören würde, zu schneien, würde es sogar herrlich sein. Nein, er dachte gar nicht daran, hinunter zu gehen! Mit einem gewissen Trotz schloß er das Kuvert. Sie sollten auch nicht sagen, daß er nicht standgehalten hätte.

Mit der Miene eines Siegers übergab er dem Boten den Brief. Als aber der Mann fortgestampft war, hätte er ihn gern zurückgerufen: nein, er wollte doch lieber fort, sie sollten ihn doch lieber herunterholen!

Bäreb hatte die weiße Katze auf den Schoß genommen; der Winter hatte das halbwilde Tier ins Haus getrieben. Nun sah Josef, wie sie sich anschmiegte, wie sie schnurrte; er hörte, wie das Mädchen sie mit zärtlicher Stimme liebkoste. »Heraus mit dir!« Unsanft jagte er das Tier aus dem Zimmer. Aber als ihn dann Bärebs Augen vorwurfsvoll anblickten, ging er hinaus, der Katze nach, und versuchte, sie wieder hereinzulocken. Doch sie kam nicht. Auf der steilen Leiterstiege, die zur Dachluke führte, saß sie und miaute kläglich. Er kletterte ihr nach, er kletterte bis aufs Dach; da jagte die Katze über die verschneiten Ziegel, lief hinüber bis zur Hecke, die mit dem Dach jetzt fast eine Schneefläche bildete, und er konnte ihr nicht mehr nach.

Nun hatte er Bärebs einzige Unterhaltung verjagt, nun hatte sie gar nichts mehr, was sie zerstreute. Es tat ihm leid. Er fand nicht den Mut, sie zu fragen, ob es ihr langweilig sei, öde und traurig? Wenn sie ›ja‹ sagte, würde er sich ärgern – und wenn sie ›nein‹ sagte, was dann? Lieber nicht fragen! Er glaubte in ihrem Blick etwas zu sehen, was er früher nicht darin gefunden hatte. Ihre Augen glänzten so weich, so vertraulich. War es nicht natürlich, daß sie das Verlangen nach Vertraulichkeit hatte? Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter hier, nicht die Geschwister, nun nicht einmal das Kätzchen mehr. Wer weiß, vielleicht hatte sie auch einen Schatz da unten – was wußte er denn von ihr? Er beobachtete sie verstohlen. Oft, wenn sie im dämmernden Licht, das die kleine Lampe verbreitete, auf der Bank saß, ließ sie jetzt ihr Strickzeug sinken und sah mit leicht geöffnetem Mund, mit halb-geschlossenen, träumenden Augen ins Leere. An was dachte sie – und an wen?! Ein Gefühl, das er nicht Eifersucht nennen wollte, und das doch Eifersucht war, durchzuckte ihn. Ja, sie hatte einen Schatz! So blickt ein verliebtes Mädchen! Und wenn sie vielleicht auch jetzt keinen hatte, so hatte sie doch einen gehabt. Daß er das früher nicht gesehen hatte! In diesen Augen, die so rund und harmlos in die Welt blickten, versteckte sich in der Tiefe etwas, das in keinem Kinderauge zu finden ist. Nun ja, sie war eben in den Jahren!

Er grübelte über sie; er lag förmlich auf der Lauer. Bald war es ihm, als dürfe er die Hand nach ihr ausstrecken, ohne unrecht zu tun, und bald verwies er sich schon diesen Gedanken hart. Nein, sie war noch ganz Kind, noch ganz unschuldig – wie sagte doch Leykuhlen? ›Hier braucht man nicht bange zu sein, so was ist ausgeschlossen bei uns!‹

Er sah wieder nach Bäreb hin: träumte sie? Nein, sie träumte nicht. Ruhte nicht auf ihm, auf ihm ihr Blick, sinnend, glänzend, zärtlich?!

Da schrie er sie an: »Hast du einen Schatz?« Und als sie nicht gleich antwortete, sondern die Augen rasch abwandte, vor sich niedersah, verwirrt und dunkelrot, da schrie er noch einmal, in unverständlicher Heftigkeit mit dem Fuß aufstampfend: »Willst du’s mir wohl sagen! Oder hast du etwa einen Schatz gehabt?!«