Er war aufgesprungen, er stand nun bei ihr und packte sie fest am Arm.
Ihr Arm war sehnig und stark, trotz der Schlankheit, aber nun sagte sie leise: »Au, Ihr tut mir weh!«
»Äh was, weh!« Er lachte grell. Er war plötzlich ein ganz anderer.
Sie sah scheu-erschrocken zu ihm auf: was machte der Herr Josef denn für ein Gesicht?
Finster sah er auf sie nieder, all die Güte war aus seinem Gesicht geschwunden. »Hast du einen Schatz?« Er murmelte es fast drohend, ließ den Blick von ihr, schaute, blaß werdend, zu Boden und nagte an seiner Lippe. Wenn sie jetzt sagen würde ›ja‹ – keinen Augenblick würde er sich dann mehr besinnen. Warum denn auch? Nehmen würde er sie, wie eine fällige Frucht, die gepflückt zu werden verlangt.
Aber sie sagte: »Nee!« Ernsthaft schüttelte sie den Kopf, fast traurig: »Nee, Hähr Josef, ich han keene Schatz, dat könt Ihr mir jlöwe!«
Da ließ er ihren Arm, den er noch immer krampfhaft gepackt hielt, fahren. Er stieß sie fast von sich. Knäuel und Strickzeug und Nadeln rasselten zur Erde, verwirrt bückte sie sich und raffte alles zusammen. Sie eilte hinaus, aber als sie schon in der Tür stand, schickte sie noch einen Blick nach ihm zurück, der ihm zu denken gab. Warum war sie so flammendrot, warum so erschrocken? Warum waren ihre Augen so eigentümlich? Ihre Blicke so unsicher? Sollte sie ihn belogen haben?!
Gleich darauf hörte er draußen ihre kosende Stimme. Hatte die Katze sich wieder eingefunden? Er hätte gern gewußt, mit wem sie so redete. Aber er traute sich nicht hinaus. Diesen Abend ging er früher zu Bett denn jemals, und als nebenan die wurmstichige Bettstatt zu knarren anfing, da zog er sich die Decke bis über den Kopf und steckte sich die Finger in die Ohren. –
Wenn man nur Menschen zu sehen bekäme, Menschen! Der Schnee fiel nicht mehr, aber er lag fest; er lastete mit schwerer Decke, unter der sich kein Weg abzeichnete und auch kein Gestein. Auch die Karrees der Tannen-Anschonungen waren zugeweht. Nirgendwo gab es ein Merkmal mehr, nach dem man sich richten konnte. Es trieb den Einsamen aus dem Haus. Und war es auch in dem kristallenen, körnigen Schnee, den niemand zusammengetreten hatte, der wie trockener Sand, lose und rinnend, in eisiger Kälte bis zu den Knieen aufstieg, ein mühseliges Fortkommen, er wollte es doch versuchen. Bis hin zur Chaussee wenigstens, da mußte doch mal ein Lastwagen fahren oder die Post kommen. Alles konnte doch nicht ein Ende haben. Da würde er dann in den Räderspuren leichter weitergehen. Vielleicht auch, daß er einen Menschen antraf, einen Grenzjäger, einen Waldhüter, einen Förster, nur irgend einen! Nur einmal ein anderes Gesicht sehen, als ewig, ewig das des Mädchens!
Er floh vom Haus. Aber weit war er noch nicht gekommen, als er schon fühlte, daß ihn alle Glieder schmerzten, daß in seiner Brust der Atem keuchte. Er hielt an in dem tiefen Schnee. Ringsum Totenstille. Er drehte den Kopf nach allen Seiten: kein Mensch, nicht einmal ein Wild! Kein einziger dunkler Punkt, den das Auge hätte erhaschen können in der Unendlichkeit des verschneiten Venns. Sein Auge suchte die Richtung, in der tief unten die Stadt liegen mußte, aber nicht einmal die Richtung war mehr zu bestimmen; man wurde völlig verwirrt von dieser überall gleichen, eintönig weißen Weite. Ja, sie hatten sein vergessen! Er stieß einen ungeduldigen Seufzer aus und lächelte bitter. Selbst Hedwig, die sich doch sonst so oft an seinen Arm gehängt hatte, kümmerte sich jetzt nicht mehr um ihn in ihrem bräutlichen Glück. Sie hatte ja auch an etwas Besseres zu denken, als an ihn, den schrulligen, überflüssigen Junggesellen. Die Ausstattung mußte nun bald fertig sein, jedes Stück erregte das glühendste Interesse. Man schrieb und ließ sich zur Auswahl senden, man packte aus und packte wieder ein, man schrieb wieder und ließ sich wieder schicken, man reiste nach Aachen, nach Köln, man suchte selber aus, man kaufte ein, man probierte an, der Tag wurde zu kurz. Man hatte so viel zu tun, es war eine stete Unruhe. Heinrich würde wohl manchmal dazwischenwettern, wenn er nicht treten konnte vor Packen und Päckchen, vor gestickten Unterröcken und zarten Negligés, vor Spitzen und Seidenschleifen, vor duftigen Blusen und Staatskleidern. Pompös würde das Brautkleid ausfallen. Josef sah ordentlich, wie die beiden Verlobten mit glänzenden Augen die Stoffproben betrachteten. Der Bräutigam lispelte dabei der kleinen Braut tausend dumme Dinge ins Ohr. Zeit hatten sie ja genug zu dergleichen, das Militär war längst fort, der Platz geräumt; nur das Wachkommando lag noch oben. Der Adjutant vom Platz mußte zweimal die Woche hinauf, im übrigen aber hatte er die Vergünstigung, unten im Städtchen zu wohnen. Also Gelegenheit genug zu Liebesgetändel – und sie durften ja. Sie durften! Ende April schon würden sie heiraten. Jetzt war es bereits Januar.