Ob der Schnee denn ewig liegen würde? Zwei Monate fast war man schon begraben bei lebendigem Leib. Josef sah sich wild um. Aber so tief man auch eingegraben war, das Herz gab sich doch nicht zur Ruhe, das pochte nur um so lebendiger. Daß man doch davonrennen könnte – wohin? Ganz gleich. Nur einmal andere Eindrücke, andere Gesichter, daß man auf andere Gedanken kam!

Und doch mußte er immer wieder ins Haus zurückkehren, wo niemand war, als die Bäreb und er.

Nun aßen sie schon lange altes Brot; zehn Tage war es her, daß der Bote, der sonst alle Woche Vorrat heraufbrachte, zuletzt dagewesen war. Blieb der etwa ganz aus? Es verlangte Josef nach frischem Brot; auch hatte er eine geheime Angst: wenn es einmal so käme, daß er auch ohne Licht sitzen müßte mit der Bäreb im dunklen Haus?! Ungeduldig harrte er, aber der Mann kam nicht.

Da machte sich Bäreb auf den Weg. Er wollte sie nicht lassen, aber sie lachte ihn aus: was war denn weiter dabei, sie war ja jung und kräftig, sie kam schon durch! So ließ er sie gehen. Aber als sie fort war, packte ihn die Reue. Er hatte dieselbe Unruhe wie damals, als sie gegangen war, ihre Eltern zu besuchen – nein, eine noch weit größere Unruhe. Es war ihm zu Mut, wie einem, der ein Kleinod verloren hat.

Er fing an, im Schuppen Reisig zu zerkleinern, aber er hieb sich dabei auf die Finger; dann begann er, Schnee zu schippen. Sie würde sich freuen, wenn er ihr einen recht breiten Pfad geschaufelt hatte bis hin zum Brunnen. Aber als er eine Stunde geschippt, geschaufelt, gehackt und gekarrt hatte, verließ ihn die Lust. Dieser Arbeit fühlte er sich nicht gewachsen. O, was waren das doch für tausend Unbequemlichkeiten! Zornig über die eigene Torheit, die ihn in eine solche Lage gebracht hatte, ließ er Schaufel und Besen fallen, warf sich todmüde drinnen aufs Bett und stierte die Decke an. Er war zu träge, um Licht anzuzünden, er blieb so liegen in der Dunkelheit. Er lag wie in einer Apathie. Nur das fühlte er, wenn es noch lange so anhielt, wenn das noch immer, immer so weiterging, dann beging er noch viel größere Dummheiten, als er bisher begangen hatte, oder – eine Schlechtigkeit. Oder – er faßte sich mit beiden Händen an die pochende Stirn – er wurde verrückt!

Diese Einsamkeit, diese Einsamkeit! Er stöhnte auf. Sie übte den furchtbaren Druck. Alles Übel kam von dieser Einsamkeit. Er verwünschte die Fangeuse. Hätte er sie nie betreten! Sie war der rechte Ort, Gedanken auszuhecken, die nichts taugten. Heute begriff er nicht, daß er hier einstmals Tage verlebt hatte, Tage solch reiner, solch hoher Entzückungen, wie er solche noch nie im Leben gekostet hatte. Er fühlte nichts mehr für Dankbarkeit für jene sonnenwarmen Herbsttage. Wenn er jetzt an sie dachte, geschah es mit Achselzucken: verrückter Schwärmer!

Tiefe, tiefe Dunkelheit draußen; tiefe, tiefe Dunkelheit drinnen. Eine Trostlosigkeit kam ihm über das eigene nutzlose Leben. Was hatte er denn schon geleistet? Hatte er wohl mit all seinem guten Willen für das Wohl anderer je etwas Gutes geschafft? Immer hatte er Mitleid mit den Menschen; Mitleid mit den jungen Dingern, die unten auf den Lumpensäcken ihr Brot verzehrten, Mitleid mit den Sträflingen, die zur Arbeit getrieben wurden in Wind und Wetter. Dummes törichtes Mitleid, es hatte niemandem etwas genutzt! Wie konnte man nur daran denken, dieses unwirtliche Land durch die Sträflinge urbar machen zu wollen? Und wenn hundert und aberhundert Hände sich auch mühten, wenn man immer neue Kolonien gründete, neue Arbeiter hier heraufschaffte, würde nicht Venn doch Venn bleiben, ein finsteres Moorland? Gefangenen wies man die Arbeit der Kolonisation zu, gedrückten, unfreien Menschen! Er konnte jetzt das nicht mehr vertreten, was er an jenem Jagdabend so enthusiastisch gesprochen hatte: ›Apostel – Kulturträger – Kulturbringer‹ – konnten die Bringer des Lichtes einem dunklen Lande sein, die selber unfrei waren?!

Er lag verdrossen. Wäre er nur fort von hier! Er sehnte sich nach einer leichteren Luft, nach einer heitereren Sonne, nach lebhafteren Menschen. Nicht immer diese Stille, diese lastende Stille; Fröhlichkeit, Heiterkeit, ein rascher bewegtes Dasein, vielseitiger und vielgestaltiger! Ach, gingen denn selbst Leykuhlens Interessen über den Turm seiner Kirche hinaus?! Und diese gepriesene Frömmigkeit, diese Einfalt der Sitten, diese Zufriedenheit – entstammten sie nicht einer geistigen Armut?!

Heute gefiel ihm alles nicht mehr, er sah heute mit anderen Augen. An solch kritischen Tagen hatte er unten immer mit Heinrich gezankt – ach, hätte er jetzt nur einen zum Zanken! Da knarrte die Haustür – Gott sei Dank, endlich die Bäreb! Er stürmte hinaus: so lange auszubleiben?!

Sie stand da, heiß und rot, ganz außer Atem, und streckte ihm den Laib Brot entgegen. »Janz frisch, Hähr Josef, et is janz frisch. Ich han et sälwer beim Bäcker uhs dem Ofen jehollt. Do hatt Ihr et nu!« Sie strahlte ihn an.