Er fühlte, daß das Brot noch warm war. Glühend heiß mußte sie’s unter ihr Tuch gesteckt haben, es im Arm gehalten haben, dicht an ihrem Herzen. »Wie du außer Atem bist!« Er streichelte sie. »Nun, wie geht’s deinen Eltern? Und den Geschwistern? Und der Maiblum?«

»Dat weeß ich nit!« Sie sah ihn groß an. »Ich bin nit derheem jewes, dat war noch zu weit!«

Nicht zu Haus? Sie war doch nach Heckenbroich hinunter gegangen, hatte Brot geholt und sonst allerlei, und sie war nicht zu Hause gewesen?!

»Ich kont doch nit!« Sie sagte es ganz verwundert. »Ihr woll’ doch so jär frisch Bruet, do han ech mich plage mosse, für jetzt wedder hee zu sin!«

Er war entwaffnet. Für ihn, für ihn allein war sie also gelaufen?! War im Dorf gewesen, hatte sich aber nicht einmal Zeit genommen, Eltern, Geschwister, an denen ihr Herz hing, wiederzusehen?! Er wußte nicht, was er sagen sollte; das war mehr, als er erwartet hatte, mehr, als er erwarten durfte. Von der Verdrossenheit, in der er vorhin gelegen hatte, war urplötzlich nichts mehr in ihm. Er zog sie an sich. »Ich danke dir,« flüsterte er.

Und sie flüsterte wieder: »Dat hat ich siehr jär für Uech jedon!«

Dann saßen sie in der Stube. Draußen war es dunkel und kalt, aber hier innen war es warm und hell. Heute bediente er sie; er hatte die Lampe angezündet, Holz aufgelegt, daß der Ofen glühte, sie gezwungen, in seine warmen Filzschuhe zu schlüpfen und aß nun und rieb ihre Hände, die eiskalt und blaugefroren waren.

O ja, es war schon schwer gewesen heute durchzukommen, der Wind hatte einen förmlich durchblasen, als hätte man kein Tuch und kein Kleid an, gar nichts auf dem Leib! Aber nun war sie froh. Sie erzählte ihm, daß sie ein-, zweimal vom Wege abgekommen und schon so müde gewesen war, daß sie sich hatte hinsetzen wollen; aber da hatte sie an den Herrn Josef gedacht und wie dem so bange sein würde, wenn sie nicht bald wieder da war, und da hatte sie sich wieder aufgerafft. Ihr Schutzengel hatte sie denn auch richtig geführt. Zurück war der Weg leichter gewesen; den Wind hatte sie im Rücken gehabt, er hatte sie vor sich hergeblasen, daß sie kaum zu laufen brauchte, daß sie über den Schnee hingeweht worden war. Raben waren über ihr geflogen während des ganzen Weges, fast mit den Flügeln hatten die sie gestreift und sie immer umkreist; aber sie hatte ihr Brot festgehalten und war gerannt und gerannt. Sie lachte fröhlich.

Es war, als hätte der heiße Wein, den Josef dem erstarrten Mädchen zu trinken gegeben hatte, es völlig verändert. So lebhaft war Bäreb noch nie gewesen. Sie taute auf; da war nichts mehr von Scheu und Zurückhaltung. Aber als sie jetzt plötzlich seine Hand streichelte: »Ihr seid eso jot,« war doch keine Dreistigkeit in ihrer Vertraulichkeit.

Mitten im Schwatzen wurde sie müde, wie einem Kinde fielen ihr die Augen zu. Schwarz hoben sich die langen Wimpern von den durch die scharfe Luft hoch geröteten Wangen. Sie hatte den Kopf gegen Josef geneigt und nickte, das schlummermüde Haupt an seiner Schulter. Er saß und rührte sich nicht und hielt den Atem an.