Er kam sich unsäglich lächerlich vor. Das mußte ihm, ihm passieren! Aber er traute sich nicht, sie aufzuraffen, sie davonzutragen, wie einen willigen Raub. Steif blieb er sitzen, bis sie ein Stündchen geschlafen hatte und blinzelnd die Lider öffnete. Mit einem wohlig-verschlafenen: »Sein ech äwer möd!« lächelte sie ihn an.

Er fühlte, jetzt brauchte er nur die Hand auszustrecken. Es war so still im Zimmer, so warm. Ganz allein waren sie – wo war die Welt?! Die fragte nicht nach ihnen.

Aber hastig rückte er zur Seite, daß ihr Kopf unsanft von seiner Schulter glitt. »Gutnacht, Bäreb!« Es klang barsch.

Sie sah ihn verdutzt an mit schwimmenden Augen: war er bös mit ihr, der Herr Josef?!


Sein Ton blieb auch noch barsch am anderen Morgen. Er konnte es ja nicht vermeiden, ihr zu begegnen. Sie wohnten sich zu nahe; immerwährend streifte ihn ihr Rock, immerwährend umgab ihn ihre Sorgfalt. Er konnte das heute nicht vertragen. Träume hatte er diese Nacht gehabt, Träume, wie er sie sich nie mehr zugetraut hätte. Er war sich bewußt gewesen, daß er träumte – nebenan hörte er ihren Atem zittern – aber er hatte immer wieder die Augen zugedrückt und immer wieder den gleichen Traum gesucht. Aber am hellen Tage mied er sie, um die sich seine Träume gewoben. Der weiße Tag stand auf der Schwelle; er floh aus dem Haus.

Draußen war es wie immer still und kalt; das heißt, nur still von Menschenlaut. Es war ein Ächzen in den Tannen, ein lautes Knacken, und ein Sausen von umherfahrenden Lüften zwischen Himmel und Schnee. Merkwürdig, es dünkte ihn heute minder kalt; vielleicht fühlte er’s weniger, seine Stirn brannte so. In seinen Augenhöhlen bohrte ein Schmerz. Wie ein Planloser irrte er umher, der Tag draußen dünkte ihn besser als der Tag drinnen.

So weit zu kommen war ihm bisher noch nie gelungen. Der Wind hatte sich plötzlich gelegt, jetzt konnte er ganz gut gehen. Er fühlte die Anstrengung nicht, seine Gedanken waren zu sehr beschäftigt. Er sah gar nicht, was um ihn war, er sah immer nur nach dem Hause zurück. – – – Nun räumte sie in seinem Zimmer auf – nun war sie in der Küche – nun sang sie beim Kartoffelschälen – nun richtete sie das Mittagbrot – nun wartete sie auf ihn, wartete mit heißen Wangen, mit blühenden Lippen – ah, Mittag mußte es wohl schon sein?

Plötzlich aufschreckend, sah er sich um: war’s möglich, so weit war er schon gegangen?! Da lag ja wie ein Würfel ein einsames Haus in der unendlichen Schneeweite. Nur wo der Schnee nicht angeweht war, schimmerte sein Gebälk dunkel, sonst war’s weiß, weiß wie das Land rundum. Und das Dach schwer belastet. Tiefer noch hing es herab als sonst über Tür und vergitterte Fenster. Die Strafkolonie!

Ein paar Raben krächzten; sie lauerten auf Fraß, aber keine Hand warf Futter heraus. Nichts rührte sich. War das Haus verlassen? Nein, ein schwacher Rauch stieg aus dem Schornstein empor; man sah ihn kaum, er wurde gleich eins mit der grauen Luft. Josef hüstelte: es legte sich heute so schwer auf die Brust. Nun fühlte er doch, daß er müde geworden war. Er pochte an.