›Niemand!‹

Seine Stimme klang nur schwach im dicken Nebel; der dämpfte jeden Schall. Er wischte sich über die Stirn; schon fing er an zu schwitzen, die Anstrengung war groß, er wurde müde. Unter seinen Sohlen ballte sich der Schnee, hing sich an die Absätze in Klumpen; je schwerfälliger er zutrat in seiner Müdigkeit, desto lästiger klebten die Klumpen an. Schwer stützte er sich auf seinen Stock. – – – – – –

Josef rief nicht mehr. Wer sollte ihm hier auch helfen? Hier mußte man sich selber zu helfen suchen, wenn man nicht, wie die Bäreb, an einen Schutzengel glaubte. Überall Fußtapfen, überall Fußtapfen. Aber er war nicht mehr sicher, ob es nur die seinen waren; sie waren teilweise verwischt, auseinandergetreten im Schnee. Und es war zu wenig licht, um deutlich zu sehen. Mit beiden Händen faßte er seinen Stock und trieb ihn tief hinein in den Schnee: daran würde er’s merken, wenn er wieder an denselben Platz zurückkehrte. Ob er etwa in die Runde lief, immer auf den eigenen Fußtapfen herum die ganze Zeit?!

Es wurde ihm schwer, den Stock zu entbehren, seine müden Füße glitschten hin und her; es kostete ihn jedesmal eine Anstrengung, sie zu heben, die Kniee waren steif. Aber er wankte weiter. Weiter mußte er, er konnte sich doch nicht hinlegen hier. Nicht einmal hinsetzen. Die größte Lust hatte er freilich dazu, er war so müde, und die grenzenlose Stille des Nebels schläferte unwiderstehlich ein. Wenn er sich nun hier hinlegen würde und einschlafen? Dann würde er nicht mehr aufwachen – es wäre der sanfteste Tod! Einen Augenblick kam ihm dieser Gedanke, trotz aller augenblicklichen Not. Nur immer weiter, weiter, so leicht gibt man das Leben denn doch nicht auf.

Nun lief er, so rasch er konnte. Wie lange mochte er schon unterwegs sein? Es war Mittagszeit gewesen, als er in der Strafkolonie eingetroffen war; eine Stunde mußte seither wohl vergangen sein. Er sah nach der Uhr und starrte erschrocken – drei?! Er hielt sie sich ans Ohr, er rüttelte sie. Sie ging wie immer, gleichmäßig mit leisem Tick, tick. Um himmelswillen, drei Stunden war er seither schon umhergeirrt? Jetzt fühlte er erst ganz die Müdigkeit. Sie war lähmend. Wenn er nun nicht mehr weiter konnte, wenn er hier im Nebel sich nicht bald zurechtfand, was dann?! All das fiel ihm ein, was Bäreb erzählt hatte.

Überall, rechts und links, vor ihm, hinter ihm, tauchten Kreuze auf. Er wußte, das war nur eine Halluzination, hier waren keine; aber er sah sie so deutlich, als ständen sie da, schwarz und verwittert, denen zum Gedächtnis, die im Schnee erfroren, die im Nebel verirrt waren.

Große Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn, vom Kinn, und fielen nieder in den Schnee. Noch ein paar Stunden, und es war vorbei. In der Abenddämmerung ging kein Mensch mehr durchs Venn. Hoffentlich traf er jetzt noch einen Grenzjäger an, ihr Dienst trieb die ja umher bei allem Wetter! Mit geschärftem Ohr lauschte er: war da nichts zu hören? Aber er hörte kein Klirren von Sporen, kein Traben eines Pferdes, kein ›Wer da!‹ Gar nichts. Nichts.

Eine grauenhafte Stille umfing ihn. Erst war er aufgeregt gewesen im Gedanken, so spät nach Hause zu kommen – Bäreb würde sich ja um ihn ängstigen – aber nun kam ihm eine größere Angst. Sie überfiel ihn plötzlich wie eine Pantherkatze in jähem Sprung. Sie saß ihm im Nacken, er konnte sich ihrer nicht mehr erwehren, er wurde sie nicht los, so sehr er auch rannte. Das Klopfen seines Herzens war zum Hämmern geworden. Poch, poch – wie das gegen die Rippen anstieß, als wollte es sie eindrücken. Es stach ihm im Rücken bei jedem Atemzug. Jetzt mußte er langsamer gehen, so rasch ging es nicht mehr weiter. Er stand still, die Hand gegen das klopfende Herz gestemmt. Mit wirren Blicken sah er sich um.

Er war in seinem Leben schon in allerlei gefährlichen Lagen gewesen, viel gefährlicheren als heut: in einem furchtbaren Sturm auf der Überfahrt nach Amerika und bei einem Zusammenstoß von zwei Eisenbahnzügen – die Passagiere waren schreiend durcheinandergerannt, die Verwundeten hatten gewinselt und gestöhnt, er war ruhig geblieben. Hier wurde es ihm schwer, die Fassung zu bewahren. So allein, so mutterseelenallein. Und so gar nichts sehen können, keine zehn Schritt vor sich! Das war entsetzlich.

Er stieß einen furchtbaren Schrei aus – er war gegen etwas gerannt, sein Fuß strauchelte – er packte zu: es war sein Stock! Sein Stock, den er hier in den Schnee gerammt hatte. Bei ihm war er nun wieder angelangt. Also abermals in die Runde gelaufen?!