Er schlug sich vor die Stirn: warum tat er das, warum ging er denn nicht nach rechts oder links? Er riß den tief eingebohrten Stock aus dem Schnee heraus und stapfte nach links. Aber dann hielt er auf einmal an: was nützte es, er kam ja doch nie, nie wieder hier heraus! Warum noch die letzte Kraft erschöpfen? Besser stehen bleiben und warten, bis der Nebel sich gelichtet hatte; der mußte sich wenigstens doch etwas heben. Regungslos stand er, auf den Stock gestützt; ohne ihn wäre er umgesunken. Die Überanstrengung verursachte ihm Schwindel; im grauen Nebel tanzten rote Punkte, sie wurden größer und größer, wurden zu rasch sich drehenden Kreisen. In seinen Schläfen stach es, der Boden, auf dem er stand, schwankte wie ein Schiff; ächzend schloß er die Augen. O, wie würde sie jammern, wenn er nicht wiederkam! Ob sie nicht hinauslief, um ihn zu suchen?!
»Bäreb, Bäreb!«
Gellend war der Ruf der Brust entwichen. Er schrie den Namen des Mädchens mit aller Anstrengung von Hals und Lunge. Aber nichts war in diesem Ruf zu hören von der Angst, von der Verzweiflung, von der Sehnsucht, die ihn herausgepreßt hatte; er klang matt und zahm. Die Stille war zu groß. Sie hatte, ohne den Mund aufzutun, eine viel gewaltigere Stimme, und die gebot: ›Schweig!‹ Der Mensch verstummte.
Josef riß die Uhr aus der Tasche. Vier Uhr! Wieder eine Stunde vorbei. Nun war er sieben Stunden von Hause fort. Bald kam die Nacht. Er stand und zitterte und rührte sich nicht mehr vom Platz, nur daß er zuweilen die Füße aufstampfte und die Arme umeinanderschlug, um nicht ganz zu verklammen. Durch seinen Kopf rasten die Gedanken; er wußte selbst nicht, was er eigentlich dachte, ihm war dumpf und wirr im Gehirn. Die Hoffnung, einem Grenzjäger zu begegnen, hatte er längst aufgegeben; die saßen bei dem Nebel auch in einem Unterschlupf. Niemand war im Venn, als er und die Kreuze der Toten.
Er sah wieder nach der Uhr. Er mußte sie sich dicht vor die Augen halten, selbst so war’s kaum möglich mehr, sie zu erkennen. Halb fünf! Die Kniee drohten unter ihm einzubrechen. Wenn jetzt nicht ein Wunder geschah, dann – –
Horch, war das nicht ein Glöckchen?! Es klang so.
Klingelingeling!
Ein blechernes Anschlagen wie von den Schellchen, die die Pferde vorm Schlitten tragen.
Er schrie nicht, er rief nicht Hilfe, der Mund war ihm wie zugehalten; aber er wandte sich jetzt nach der Richtung des Klingelns. Er rannte, er stürzte, er sank tief ein in den Schnee, er raffte sich wieder auf, rannte wieder aufs neue – immer das leise Klingelingeling – jetzt ward es schon stärker – jetzt noch stärker – jetzt ganz deutlich: Klingelingeling!
»Halt!« Mit einem Schrei stürzte der Verirrte vorwärts und fiel der Länge lang dem Karrengaul vor die Füße. Der blieb stehen.