Der Mann, der heute vormittag endlich den ersehnten Proviant nach der Fangeuse heraufgeschafft hatte und jetzt auf der Rückfahrt begriffen war, sich ganz auf den Instinkt seines Pferdes verlassend, lud den Herrn auf seinen Schlitten und wendete noch einmal um.

XV

Über die sturmgepeitschte Fläche rannte das Mädchen. Der Schnee war nicht mehr körnig wie eisiger Sand, er war weich geworden und ließ sich zusammentreten; aber schwer war trotzdem das Weiterkommen. Erst recht schwer. Bärebs Brust keuchte, sie mußte sich stemmen gegen den starken Wind, der sie umwerfen wollte, und wütend, daß ihm das nicht gelang, an ihren Röcken zerrte, um sie in Fetzen zu zerstückeln. Das Kopftuch riß er ihr herunter, fast schmerzhaft peitschte es ihr den Nacken; die Haarsträhnen schlugen ihr ums Gesicht. Weit war es, sehr weit bis Heckenbroich, aber sie mußte hin. Der Tünnes würde dann schon rasch hinunterlaufen zur Stadt, zum Doktor, zum Apotheker – ihr Herr war krank, Jesus Maria!

Aus tränengefüllten Augen schickte Bäreb einen flehenden Blick gen Himmel. Die ganze Nacht, nachdem er heimgekehrt war, hatte der Herr im Fieber gelegen, er sprach irre, er erkannte sie nicht. Und heute Nacht war ihm wieder so heiß gewesen, daß sie ihm alle Augenblicke zu trinken geben mußte. Eiskaltes Wasser war noch nicht eiskalt genug. Und er füllte sich so schwach, so krank, daß er nicht aufstehen konnte.

Jetzt schlief er. Jetzt konnte sie die Zeit benutzen: der Doktor mußte zu ihm kommen. Der Tee, den sie zu kochen verstand, der nutzte dem Herren nichts. Ob es schlimm mit ihm war? Er hatte sich das Blut verkühlt, das war sicher; ganz matt hatte ihn ja der Knecht zur Fangeuse gebracht, wie ein Toter lag er auf dem Wagen, kaum, daß er hatte sagen können: ›Bäreb, da bin ich noch einmal wieder!‹ Gelächelt hatte er freilich dazu; aber sie mußte weinen, wenn sie an dies Lächeln dachte. Alles hatte sie getan, was sie tun konnte, um ihn zu erwärmen; hatte seine Füße gerieben, ihren warmen Atem in seine Hände gepustet – es hatte alles nichts genutzt. Noch im Bett hatte er mit den Zähnen geklappert, so lange, bis die flammende Hitze kam. Ach, daß sie dem Mann doch Auftrag gegeben hätte, den Doktor heraufzuschicken – aber wer konnte gleich ahnen, daß es so schlimm werden würde mit ihm! Ihr Herr, ihr lieber, guter Herr.

Es war Bäreb einen Augenblick, als hätte sie noch nie jemanden so lieb gehabt, nicht einmal Vater und Mutter. Mit Ungestüm warf sie sich dem Wind entgegen. Nein, sie kehrte nicht um, sie mußte durch! Eine Schneegrube kam ihr in die Quere, dort ein aufgewehter Wall, sie übersprang beides.

Es war ein harter Weg, eine mächtige Anstrengung. Der Schweiß troff ihr vom Leibe, laut keuchend hob und senkte sich ihre Brust, ihre Pulse klopften; es war ihr, als könne sie die Füße nicht mehr heben. Aber sie mußte, sie wollte voran. So war es ihr gewesen, damals – ach, damals zu Echternach! Aber jetzt war keine Musik dabei, keine anfeuernde, lockende, beschwörende Melodie.

Warum ihr nur heute auf diesem Wege Echternach einfiel? Es war doch gar keine Ähnlichkeit zwischen hier und dort!

Eine glühende Röte wie eine Flamme schoß ihr plötzlich übers ganze Gesicht; ihr Blick wurde unsicher, sie senkte den Kopf gleich einer Schuldbewußten und blieb zögernd stehen. Aber nur einen Augenblick, dann bewegten ihre Lippen sich murmelnd, sie bekreuzte sich andächtig: der heilige Willibrord war trotzdem ein mächtiger Fürsprecher für sie im Himmel gewesen. »Heiliger Willibrord, bitt für uns, wir bitten dich, heiliger Willibrord, erhöre uns!« Sie fing laut an zu beten.