Viele Tage hatte Josef im Fieber gelegen; es war eine böse Erkältung. ›Knapp an einer Lungenentzündung vorbei,‹ sagte der Doktor. Auch den Kreisphysikus schickte Heinrich noch herauf, es sollte dem Vetter nicht an ärztlicher Behandlung fehlen. Er war sehr besorgt, wenn er auch am Krankenbett polterte und wetterte: das kam von solch verrückten Ideen! Er fühlte sich selber auch schuldig dabei: wie hatte er nur zugeben können, daß der Josef mit seiner schwachen Konstitution einen Winter auf der Fangeuse zubrachte?! Am liebsten hätte er den Kranken in Decken gepackt und sofort herunter geschafft. Aber das ging nicht an. Bis zur Fangeuse konnte man nicht mit dem Federwagen fahren, und den Patienten per Karren herunter zu befördern, dem widersetzte sich der Arzt.
Auch Josef widersetzte sich. Nach Fieberwochen und hochgradiger Erregung war eine sanfte Ruhe über ihn gekommen. Er glaubte sich nie mehr einer Aufwallung fähig. Er fühlte sich jetzt wohl hier, so wohl unter diesen braunen Arbeitshänden, die feiner geworden waren in der Winterrast und weicher in seiner Pflege.
Sie war den ganzen Tag um ihn. Draußen gab es so gut wie nichts zu tun, und es kam viel öfter ein Bote herauf, der ihnen alles brachte, was sie bedurften; dafür sorgte schon Heinrich Schmölder, daß sein Vetter nicht Mangel an irgend etwas hatte.
Der Arzt hatte vorläufig seine Besuche eingestellt. Man würde ja sehen, was mit der Zeit nötig tat, vor der Hand nur nicht aus der Stube heraus, und Ruhe, geistige und körperliche Ruhe!
Die hatte er. Um sie schwamm das Venn. Sie saßen wie auf einer Insel. Alles das, was vordem gefroren gewesen, war jetzt aufgetaut; all die Moorlöcher und Torfgruben hatten ihr Maul aufgetan und zeigten zwischen schmutzigen Schneerändern ihren schwarzen Schlund. Jetzt war es am unsichersten im Venn, jetzt am allerschlechtesten zu gehen; man wußte nie, ob unterm nachgebenden Schnee nicht ein Sumpfloch lauerte.
Scharfe Februarsonne hatte um die Mittagsstunde mit spitzer Zunge gestochen und gestöbert; der Schnee war noch nicht ganz fort – die Lasten waren zu groß gewesen – aber schon zeigte sich unterm Scharren des Wildes moosiges Grün. Die Tage waren länger. Mit mißtönendem Schrei segelten Wildvögel über die Fangeuse. Josef hörte sie und rückte sich bequemer in seinem Sessel. Was kümmerte es ihn, was draußen war? Ob Grau und Grausen, um ihn war Friede und auch Friede in ihm.
In der wohligen Ermattung des Genesenden betrachtete er Bäreb: ein liebes Mädchen, ein treues Geschöpf! Aber kein Wunsch war in ihm. Wer dem Tod so nahe ins Auge geschaut hatte wie er, dem blieben solche Wünsche für alle Mal fern. Oft nahm er ihre Hand, wenn sie ihm etwas reichte, in die seine, ohne daß sein Puls darum rascher klopfte; oft ruhte ihr Kopf fast auf seinem Schoß, wenn sie sich tief vor ihm niederbückte, um ihm die Decke an den Füßen einzustopfen. Er fühlte es dann mit Genugtuung: er spürte kein Verlangen mehr. Träumerisch lächelte er wie bei etwas längst Überwundenem.
Nur als Bäreb am Sonntag herunterpatschte zur Messe – sie hatte fast mehr Verlangen nach der Kirche als nach den Ihren – fühlte er etwas wie einen eifersüchtigen Stich. Und die Zeit wurde ihm lang, bis sie wiederkehrte. Sehr lang.
Dafür wußte sie dann aber auch viel zu erzählen. O, unten begann schon der März sich zu rühren, die Hecken zeigten, daß Leben in ihnen war! Die Hühner fingen an zu legen, und von der Maiblum hofften sie, daß sie wieder kalben würde in diesem Jahre. Die Mutter war gesund, die Geschwister waren sehr gewachsen, das Kathrinchen hatte ein Kleid gekriegt von der Frau Bürgermeister, darin sah sie aus – o, so fein! Der Rock war schon lang, es war darin bald wie ein erwachsen Mädchen. Und Bauer Adams hatte sie schon im voraus gedungen; sie würde wieder hüten gehen für ihn, wenn es an der Zeit war. Jetzt ging sie freilich nur aufs Venn, um an den sonnigsten Stellen, bei der Marienley, nach den gelben Blumen zu suchen, die bereits aus dem getauten Schnee zu sprossen anfingen. Die ging sie dann verkaufen herunter nach der Stadt. O ja, das Kathrinchen war fleißig! Die ältere Schwester war ordentlich stolz auf die Kleine. Wenn die erst in die Fabrik ging und in Akkord arbeitete, die verdiente tüchtig was!
Es durchzuckte Josef. Die Augen schließend, winkte er abwehrend mit der Hand: er mochte nicht von der Fabrik hören. Wie sollte das werden, wenn er nicht mehr hier oben war?! Würde Bäreb dann auch wieder in die Fabrik gehen müssen?