Sie plauderte, sein verfinstertes Gesicht nicht beachtend, eifrig fort. Auf dem Platz waren auch schon wieder Soldaten eingerückt. Und an der Strafkolonie waren sie auch wieder am Bauen, das Dach war aufgeflogen, sie deckten es neu. Viele waren draußen mit Karren und Schaufeln und Pflug und Egge. Lustig hatte es ausgesehen, als ihrer zwei sich vorgespannt hatten vor den Pflug, und die anderen sie angetrieben hatten mit Hott und Hüh.

Also wieder das alte Lied?! Josefs Stirn verfinsterte sich immer mehr. Ein rundes Jahr war herum, ein ganzes volles Jahr – schon wollten die gelben Narzissen, die Märzbecher im Venn, wieder anfangen zu blühen – und war man weiter gekommen in all dieser Zeit? Es war alles noch beim alten, beim gleichen – Fabrik, Strafkolonie, Truppenübungsplatz – und es würde auch lange noch so bleiben! Er stieß einen Seufzer aus. Und hatte er denn etwas vor sich gebracht? Nichts, gar nichts; nur vage Wünsche, Hoffnungen, Verbesserungen ins Blaue hinein!

Er fragte nach Leykuhlen. Was machte der Bürgermeister, warum war er während seiner Krankheit denn gar nicht einmal zu ihm heraufgekommen?

»O, oß Burjermeester läßt Uech villmals jrüße,« sagte Bäreb rasch, rot werdend ob ihrer Vergeßlichkeit. »He wor in der Kerch. De Leut saone, de könt nu no Berlin, de wird siehr jruß on hat vill zu saone!«

So, – sehr groß – viel zu sagen! Josef lächelte in sich hinein, die Bäreb war gar so wichtig. Und dann wurde sein Gesicht wieder ernst: wäre es denn gut, wenn der so viel zu sagen hätte, wie die Leute meinten? Wer weiß! Josef zuckte die Achseln. Er ärgerte sich über sich selber. War er denn so nüchtern geworden, daß er nichts mehr von dem Begeisterungsrausch wiederfinden konnte, der ihm vormals Kopf und Herz warm gemacht hatte? ›Verbohrt‹, ›zu bigott‹ – so sagte der Landrat. War denn Leykuhlen wirklich so bigott?!

Er hatte früher nie darüber nachgedacht. –


Das Hindämmern hatte aufgehört, von Tag zu Tag hoben sich des Genesenden Kräfte. Und jetzt kamen auch die Langeweile und die Ungeduld. Nicht heraus zu können, wenn zu Stunden scheue Sonnenstrahlen auf den Wiesenplan fielen, nicht wandern zu können, wenigstens bis unter die Tannen! Aber bei jedem Tritt vors Haus sank man ein bis an die Knöchel, der Boden war wie ein vollgesogener Schwamm.

Josef suchte sich durch Lesen die Zeit zu vertreiben. Die gute Sophie schickte die Zeitungen treulich herauf, obgleich sie jetzt gerade so vieles zu bedenken hatte; die Hochzeit kam immer näher. Sie sollte nun doch schon am ersten Mai sein. Je weiter die Jahreszeit vorrückte, desto mehr Militär kam herauf, und desto weniger Zeit blieb dem Bräutigam für die Hochzeitsreise. Und die wollte das junge Paar doch recht schön und weit machen; am liebsten im Automobil. Aber Heinrich blieb fest: das auch noch? Nein, das gab’s nicht. Sie hatten Wagen und Pferde, das war wahrhaftig genug!

Der Fabrikant sah griesgrämig aus; selbst bei Lenchen heiterte sich sein Gesicht nicht so auf wie früher. Sie gab sich auch nicht mehr viel Mühe mit ihm; spitzbübisch lachte sie hinter ihm drein. Und dann ließ sie ihre Augen umherschweifen. Je völliger sie wurde, und je weiter sie von den Zwanzigen abkam, desto mehr bevorzugte sie die ganz Jungen.