Ob Josef die Hochzeit mitmachen würde? Frau Sophie zählte bestimmt darauf, und auch, daß er ihr mit seinem feinen Geschmack bei den Arrangements helfen würde. Er würde sicher auch einen reizenden Toast ausbringen, er verstand ja so schön zu sprechen. Aber Heinrich rechnete nicht darauf. Selbstverständlich war der Josef dann von der Fangeuse herunter – so wie es ohne Schaden für ihn anging, mußte er da fort – aber der Arzt hatte ihm im Vertrauen gesagt, daß gerade in der Übergangszeit ein südlicheres Klima für den Patienten anzuraten sei. Sollte der Junge haben, sollte er selbstverständlich haben! Donnerwetter, daß der sich da oben auch so einen Knacks holen mußte! Wiesbaden, Montreux, Riviera – was der Doktor für das Beste hielt!

Der Arzt brachte die Riviera in Vorschlag.

Aber als Heinrich Josef von den Reiseplänen sprach, lachte ihm dieser ins Gesicht: »Nein, ich bleibe hier. Ich denke gar nicht daran, fortzugehen. Kann sein, daß ich mal ein bißchen zu Euch herunterkomme, wenn Hedde erst weg ist und Ihr allein seid. Aber nein, vor der Hand mache ich keine Pläne, will ich keine Pläne machen!«

Josef wollte keine Pläne machen. Er wollte nicht denken, wie es weiter werden sollte, es gar nicht wissen; und doch besaß er nicht die Macht, Gedanken ganz abzuweisen, die ihm jetzt häufiger kamen. Der Sommer würde ja vielleicht wieder leidlich angenehm sein – aber noch so ein Winter hier oben? Huh, nein! Ein Frösteln überlief den Rekonvaleszenten, der noch schwach in seinem Stuhle saß, das blasse Gesicht sehnsüchtig nach dem Fenster gewendet, das man noch nicht öffnen durfte, um Licht und Luft hereinzulassen. Es war noch zu rauh. An der Hecke zeigte sich noch keine schwellende Knospe, noch kein Trieb. Oh, es war zum Verzweifeln, wie lange der Frühling hier ausstand!

Unwillkürlich irrten Josefs Gedanken umher, bis sie Sonne und Wärme fanden. An der Riviera mußte es jetzt herrlich sein, gerade die rechte Zeit, der ganze südliche Frühling war da mit seiner üppigen Fülle.

Josefs lebhafte Phantasie rief den blauen Himmel herbei, das blaue Meer, die im Sonnenlicht glänzenden Häuser, die Gärten mit ihren Blüten, den ganzen Wohlgeruch der Orangenhaine – wie schön, wie schön! Er schrak zusammen, als Bäreb eintrat. Was wollte sie?

Verwundert sah sie ihn an: nun, bei ihm bleiben, wie immer da auf der Bank unterm Fenster sitzen und stricken. Oder sollte sie lieber wieder gehen?

»Setz dich schon,« sagte er unwirsch. Aber gleich darauf fand er sich unfreundlich und undankbar. Ob sie’s wohl empfand, daß er nicht mehr so zu ihr war wie früher?!

Sie saß und strickte, ohne eine Miene zu verziehen. Aber er sah einen Seufzer, der ihre Brust hob. Warum seufzte sie unhörbar leise? Ihr ruhiges Gesicht reizte ihn. Das war nicht Ruhe, das war Verschlossenheit.

Was sich wohl hinter dieser Mädchenstirn schon alles abgespielt haben mochte – hatte sich überhaupt etwas abgespielt?! Er fing an, sie zu beobachten. Und plötzlich fiel ihm Echternach ein. Warum, hätte er nicht sagen können; er folgte einer jähren Eingebung. Sie war damals, ganz gegen ihre Art, so aufgeregt, als von Echternach die Rede gewesen war! Was hatte Leykuhlen doch gesagt? Josef konnte sich der Szene nicht mehr genau erinnern. Und warum hatte sie so heftig geweint damals im dunklen Flur? Hatten Erinnerungen sie überkommen? Jedenfalls, dieses Echternach – es mußte ein großer Tag in ihrem Leben gewesen sein!