»Haben Sie aber nicht doch Angst?«
»Nein.«
Zum Donnerwetter, das Frauenzimmer konnte einen verrückt fragen! Hätte er ihnen doch das Geld vor die Füße geworfen! Ein wütender Zorn gegen sich selber überkam den Mann: er hatte nicht widerstehen können, Trinkgeld genommen – Geld! Geld – er hatte es entbehren müssen die ganze Zeit seiner Jugend. Er hatte auch jetzt noch nicht viel, das Gehalt war nicht groß, und seine Familie wollte doch leben – drei Mark waren immerhin drei Mark. Aber nein, nein, pfui! Ihm ekelte vor sich selber.
»Sehen Sie sich um,« stieß er rauh heraus. Er konnte es nicht mehr ertragen. Ohne ein weiteres Wort sprang er über einen aufgeworfenen Graben und rannte, ein paar der Sträflinge, die gaffend dagestanden hatten, mit rauhen Worten vor sich hertreibend, immer weiter vom Bau ab ins Venn hinein.
»Ein greulicher Mensch! Ordentlich unheimlich!« Frau Schmölder raffte ihr Kleid hoch auf und setzte vorsichtig die Füße, sich immerfort ein wenig scheu umsehend. »Was ist denn nun eigentlich zu sehen, Heinrich? Ich sehe hier doch gar nichts Besonderes. Das war wirklich eine komische Idee von dir!«
»’ne Kater-Idee,« sagte Josef Schmölder.
»Wieso?« Der ohnehin schon Gereizte wurde noch gereizter: da war ja richtig das infame Gesicht, das Josef zuzeiten zu schneiden beliebte. »Hättest du weniger Kater-Ideen in deinem Leben jehabt wär et besser für dich jewesen un –«
»– und für uns,« ergänzte Josef. Er nahm’s heute humoristisch. Der Himmel blaute, das Wetter war herrlich, richtiges Frühlingswetter, und da – sieh da! Er hielt die Hand vor die Augen. Da schimmerte ein ganzes Stück Venn helleuchtend wie Gold. Das waren die gelben Narzissen, die blühten jetzt im üppigsten Flor.
»Ärgere dich nicht, Onkel Josef,« wisperte die Nichte und hing sich an seinen Arm. Sie mochte glauben, er lege die Hand vor die Augen, weil die Anzüglichkeit ihres Vaters ihn verletzt hatte.
»I wo, Hedde!« Er fing leise an zu pfeifen. »Sieh mal an, da, die Narzissen!« Und dann breitete er plötzlich die Arme aus: »Kind, das ist ein Meer von Gold, in dem ich wohl ertrinken möchte. Sonst pfeife ich aufs Gold – es macht hart, egoistisch, ungerecht – aber dieses Gold ist schön, es ist ein Trost fürs Auge, ein Labsal fürs Herz. Und daß diese armen Schlucker das immer so vor Augen haben, ordentlich darin waten können, das ist ein Ausgleich der barmherzigen Natur!«