Aber er brummte: »Drei Mark erausjeschmissen! Ich dacht, der Kerl würde uns was herumführen, einem die janze Idee der Anlage was erklären. Na, ich interessiere mich auch jar nit für die Jeschichte hier – is mir janz Wurst, was sie hier machen! Ja, wir jehen jetzt – ruf Hedde – Dummheit mit den Blumen – es is höchste Zeit!«

Frau Schmölder rief nach der Tochter. Aber erst als der Vater ganz energisch sein »Hedwig, kommt sofort!« ins Venn hinausbrüllte, wo ihr helles Kleid im Sonnenglanz schimmerte, bald im Kraut untertauchte, bald aufflatterte, kam sie angeflogen.

Ihre runden Wangen waren dunkelrot, ihre Augen glänzten. Sie war ganz atemlos. Einen großen Strauß hastig abgerissener, in dem Eifer des Pflückens schon halb zerdrückter Narzissen trug sie in der Hand. Und ein Sträußchen hatte sie im Gürtel. »Die hat mir Onkel Josef angesteckt,« sagte sie mit heimlichem Stolz. »Er sagt, das sähe hübsch aus.«

»Dummheit!« Der Vater riß ihr die Blumen aus dem Gürtel und warf sie fort. »Da, siehst du, lauter Flecke von den zerquetschten Stengeln.«

Die Tochter ließ den Mund hängen. Mit den Tränen kämpfend ging sie hinter den Eltern her, tupfte mit dem Taschentuch bald an dem hellen Bandgürtel herum, bald an ihren Augen.

»Wo ist denn eigentlich der Josef?« fragte die Mutter.

»Er sagte, wir sollten nur fortfahren, er käme zu Fuß nach Haus. Ach, es wäre viel netter, er wäre mitgefahren!«

Heinrich Schmölder drehte sich um nach seiner Tochter und warf einen raschen Blick in ihr Gesicht – na, das wäre! Sollte die sich etwa in den alten Sünder vergafft haben?! Einem überspannten Backfisch war alles zuzutrauen. Und der Josef hatte immer Glück bei Weibern gehabt, viel zu viel Glück. Hatte nicht selbst Lenchen neulich gesagt: »Bring doch mal deinen Vetter her, Schmölderchen!« Jawohl, er würde sich schwer hüten! Daß die Helene mit dem zu poussieren anfing und er den Sekt bezahlen mußte!

»Frag doch nit nach ihm,« sagte er jetzt ärgerlich zu seiner Frau. »Ich möcht wohl wissen, warum du dich so um ihn kümmerst? Laß ihn kommen oder nit kommen. Aber der Josef hat immer Eindruck auf dämliche Frauenzimmer jemacht. Aber es steckt nix hinter seinen irjendwo anjelesenen Redensarten; ›alles Mumpitz‹, wie der Berliner sagt!« Dabei beobachtete er scharf seine Tochter; aber aus dem ausdruckslosen jungen Mädchengesicht mit dem blühenden Rund war nichts herauszulesen. »Hier komm neben mich,« sagte er zu ihr, und behielt sie an seiner Seite, bis sie das Stück Venn durchstampft hatten und sicher in ihrer Equipage saßen – ohne Josef – die Tochter auf dem Rücksitz den Eltern gegenüber.

Josef Schmölder lag weit drinnen im Venn zwischen blühenden Narzissen. Eben war der Aufseher von ihm fortgegangen; sie hatten eine ganze Weile zusammen gesprochen. Der Aufseher war etwas aufgetaut, als Josef ihm auseinandergesetzt hatte, welch vorteilhaften Einfluß es auf die Gemütsverfassung der Sträflinge haben müsse, hier unter freiem Himmel arbeiten zu können. »Den freien Blick kann ihnen doch niemand nehmen, den Blick zum Himmelsblau, den Blick auf die Blumen und die Tannen, den Blick in die Weite, in unbegrenzte Weiten – die Natur ist die einzige Trösterin und Heilbringerin!«