»Oh ja, dat Venn is wohl schön,« sagte Simon Bräuer. »Man muß et nur kennen wie ich. Von klein auf!«
»Nun, sehen Sie, ich bin doch nicht hier in der Gegend geboren und finde es auch schön, unendlich stimmungsvoll! Ich bin hier bei meinen Verwandten, unten in der Stadt – Schmölders – die kennen Sie doch wohl?«
»Ich kenn Sie auch. Sie sind der Vetter, der nit jut getan hat!« Simon Bräuer lachte, ein etwas grimmiges Lachen, bei dem er die Oberlippe von den scharfen weißen Eckzähnen hob und den anderen, der faul im Heidekraut lag, mit seinen Falkenaugen anblitzte. »Wären Sie nit der vornehme Herr un hätten wat Besseres vor sich jesehen, wer weiß, Sie jingen vielleicht auch zwischen denen da!« Er nickte nach seinen Kerlen hinüber.
Der war recht geradezu! Josef Schmölder zog das elegante Etui aus rotem Juchten, das ihm Cousine Schmölder zum Namenstag verehrt hatte, aus der Brusttasche und bot dem Mann eine Zigarre an.
Aber da stierte ihm dieser mit einem fast wilden Blick ins Gesicht: »Nee, ich nehm nix mehr an!«
Er war davongerannt wie einer, der ein schlechtes Gewissen hat. –
Nun war Josef allein. Mit halbgeschlossenen Augen träumte er. Gleichsam durch einen Schleier sah er fernhin – Schafe, die da weiden, – die hellen Kittel auf der Fläche. Und ihr Hüter, der Hirt, stand dabei, so hochaufgerichtet, so lichtumflossen in der unbeschatteten Helligkeit des Venns, daß er größer erschien, als er war; alles überragend. Josef hatte immer das Entschlossene, das Energische bewundert – wie dieser Mann in diese Natur hier paßte! Verschlossen, herb wie sie. Und doch Größe in beiden. Wer doch auch so sein könnte!
Eine haltlose Traurigkeit überkam plötzlich den ins Venngras Hingelagerten. Ihm war es, als müsse er mit beiden Händen in dies karge, zähe Grün fassen und sich daran halten, sich anklammern: mach mich stark du, lehre mich zu sein wie du, Stürmen zu trotzen und standzuhalten! Er seufzte tief.
Solche Stunden hatte Josef Schmölder oft; sie kamen ihm mitten im Lachen. Dann machte er sich Vorwürfe über Vorwürfe: nein, er konnte nun und nimmer aus sich heraus, er blieb ein Halber, ein immer Wollender und nie Vollbringender! Hätte er nicht auch Weib und Kind haben können wie Vetter Heinrich, und ein gutes Renommee und viel Geld dazu? Es brauchte ja nicht gerade in Lumpen verdient zu sein. Wenn er jetzt Geld hätte, wie würde er andere glücklich machen! Diese armen Fabrikmädchen! Sie sollten nicht mehr auf den Lumpensäcken ihren Happen verzehren mit schmutzigen Fingern, die Kehle trocken vom gefährlichen Staub. Eine Küche würde er einrichten, sie daraus zu speisen – gutes, warmes, auskömmliches Essen – und einen Raum würde er ihnen bauen, groß und luftig und licht, darin sie sich erfrischen konnten und ausruhen. Wie gut hätten sie’s da! Und diese Schafe, die hier weideten, die sollten auch nicht irre gehen fürder mehr. Wie ein guter Herr wollte er sie um sich sammeln und sie nicht fragen: wo bist du gewesen, was hast du getan? Ah, wie vieles ließe sich schaffen, wie vieles gutmachen, was die Gesellschaft verbrochen hatte! Diese Gesellschaft, diese satten Philister, die hier heraufkamen, die armen Kerle anzuglotzen. War es etwa ihr Verdienst, daß sie da unten ehrlich in ihren Häusern saßen?!
Josef war aufgesprungen, die Faust schüttelte er in die Luft. So eng wie ihre Gassen waren sie, so verbaut in ihren Gefühlen wie ihre verschnörkelten Häuser; über ihren Bergrand sahen sie nicht weg. Da war Cousine Schmölder, eine herzensgute Frau, aber – nur ihr Haus, ihre Familie. Und das Mädel?! Nun, Hedde war allerliebst. Jugend, und sei sie noch so nach der Schablone, ist immer reizend. Aber sie würde ja nur allzubald den Sohn des Konkurrenten aus Aachen heiraten und genau so werden, wie ihre Mutter jetzt war – sie sah ihr jetzt schon zuweilen erschreckend ähnlich – oder vielleicht den Oberleutnant aus dem Lager, den Adjutanten von Scheffler, von dem sie ihm schon mehrmals mit tiefem Erröten erzählt hatte. Nun, was ging’s ihn an?!