Er mußte lachen, mitten aus seinem Ernst heraus. So ging es ihm immer, er konnte sich eben selber nicht ernst nehmen – und er, er wollte andere glossieren?! Das spöttische Lachen schwand rasch von seinem Gesicht. Er sah auf einmal wieder alt aus und müde und traurig, als er jetzt das Antlitz nach jener Seite kehrte, wo die Sonne groß und leuchtend überm Vennrand hing und das Kreuz auf der Marienley, dem einsamen Felsen mitten im Heidemeer, in einen Glorienschein hüllte.
Langsam, fast widerwillig das Auge losreißend, das doch die Fülle des Lichtes nicht ertragen konnte und zu tränen begann, schickte er sich zur Heimkehr an. Er mußte lange geträumt haben. Wie viel Uhr es wohl sein mochte? Nun, Feierabend noch nicht. Noch immer irrten die Schafe durchs Heidemeer, und der Hirt trieb sie vor sich her. So früh gabs keine Rast für die Arbeiter auf dem Venn. Halbgebückt standen sie – die einen hackten, die anderen gruben – oh weh, ihnen mußte ja der Rücken fast brechen!
Es war ein Feuer angezündet, langsam schwelend fraß die Flamme Wurzeln und Gestrüpp; ein schwerer Rauch kroch über den Moorboden und stieg an gegen die Sonne. Das war ein Kampf wie der Kampf der Finsternis gegen das Licht. Aber der schwarze Rauch war der Stärkere, er verschlang das Licht.
Pfui, wie der stank! Unangenehm berührt, rümpfte Josef Schmölder die Nase. Und dann schauerte er zusammen: hu: kalt war das mit einem Mal, nun die Sonne verschwunden war und die Nebel über dem Vennrücken lagerten! Nur um das Kreuz der Marienley war es noch hell, als habe sich alles Licht des scheidenden Tages darum versammelt. Schwarz hob sich die Kreuzesform vom Goldgrund ab. Ob die Blicke jener Elenden sich jetzt wohl auch dorthin richteten? Ob sie das Kreuz wie einen Trost, wie eine Verheißung sahen, oder ob es ihnen drohend erschien, grausig und blutig, eine Mahnung an das eigene Geschick?! Sie alle waren ans Kreuz geschlagen. Wer im Leben wäre das nicht?!
Mit einem Seufzer schickte sich Josef Schmölder nun zum Gehen an. Er stapfte durchs struppige Kraut der Chaussee zu. Was sollte er noch hier oben? Wenn er den armen Teufeln noch helfen könnte!
Dicht kam er an einem Paar vorüber. Er grüßte sie aus seiner leidvollen Stimmung heraus mit einem weichen: »Guten Abend!«
Die blassen, verschwitzten Gesichter starrten ihn einen Augenblick an. Dann wandten sich die Sträflinge wieder ihrer Arbeit zu; kein Gegengruß, kein Zug der stumpfen Gesichter verriet, daß sie das »Guten Abend« verstanden hatten.
Wie wenig Freundlichkeit mußten diese erfahren haben! Ein ungeheures Mitleid schwellte Josef die Seele. Da hörte er ein Lachen hinter sich; rasch blickte er sich um. Sie standen und gafften ihm nach. Zwei häßliche, rohe, gemeine Gesichter. Der Rothaarige, dem die Ohren so weit vom Kopfe abstanden, lachte hinter ihm drein. Es war nur ein kurzherausgestoßenes, sekundenlanges Auflachen, ein heiseres Keuchen, aber Josef fühlte wohl, dieses Lachen galt ihm. Sie lachten über den Herrn, der mit hellen Hosen, mit braunen Schuhen, mit steifem Hut hier oben herumspazierte. Er schämte sich plötzlich seiner Kleidung – die waren halbnackt, er ging wie ein Stutzer.
Mit hastigen Schritten lief er weiter. Nur rasch! Übrigens, denen hätte er nicht begegnen mögen ganz allein im stillen Wald oder noch weiter draußen auf dem Venn! Hätten sie da nicht ein gewisses Anrecht gehabt, zu sagen: »Her mit dem Rock, den Stiefeln, mit dem Hut?!« Nackt wie sie war auch er auf die Welt gekommen – alle gleich – das Schicksal hatte nur mit ihnen gespielt, hatte den einen besser angezogen, den anderen mit Lumpen behangen. Eigenes Zutun war verflucht wenig dabei!
Josef fühlte, wenn jetzt so einer gekommen wäre, er hätte sich ausgezogen bis aufs Hemd, ihm alles gegeben. Freiwillig. Aber es war doch gut, daß keiner kam. Gut auch, daß er jetzt die harte Straße, die, ohne Chausseebäume, ohne menschliche Behausung, als einzige Verkehrsader das Venn in zwei Teile scheidet, unter seinen Sohlen fühlte. Er lüftete den Hut und wischte den Schweiß von der Stirn. Ah, jetzt ging sich’s gemächlich bergab! Durch grüne Matten schlängelte das Flüßchen, dem Vennsumpf entsprungen, sein jetzt schon ganz klares Wasser und ließ die Forellen sehen, die silbern aufschnellten und im Abendstrahl nach Mücken schnappten. Vom alten Torfschuppen an war alles schon Heckenbroicher Weideland.