Friedlich klang die Abendglocke, und über die Hecken stiegen kerzengerade zarte Rauchsäulchen in den silbrigen Aether. Die harte Vennchaussee war zur gepflasterten Dorfstraße geworden. Hinter den Hecken brüllte das Vieh, und Melkeimer klapperten, und Stalltüren knarrten. Von Menschen nichts zu sehen, alles war wie ausgestorben, und doch belebt von einem heimlichen Leben, das sich hinter jenen Hecken abspielte, die wie Schutzwehren gegen alles Ungemach standen, wie Hüterinnen eines bescheidenen, weltfernen, friedvollen Glücks. Wer doch so wohnen könnte!

Vorhin, als sie in der Equipage durchgerasselt waren, hatte Josef den Zauber des stillen Dorfes nicht so empfunden wie jetzt. Leykuhlen war wahrhaftig ein beneidenswerter Mensch, daß er hier residieren konnte! Warum er ihn eigentlich noch nicht aufgesucht hatte?

Seit jenem lichten Vorfrühlingstag, an dem sie sich begegnet waren auf dem Fußpfad oberhalb der Fabrik, glaubte Josef schon alle Tage den Wunsch zu diesem Besuch gehabt zu haben, aber er war eben nie dazu gekommen. Es war noch nicht spät; wenn es auch nicht gerade Besuchszeit mehr war, er konnte wirklich einmal bei Leykuhlen vorsprechen. Aber wo lag dessen Haus? Rechts oder links hinein, oder geradeaus auf die Kirche zu? War niemand hier, den man fragen konnte? Er schaute sich um. Da hörte er Kinderstimmen.

Ein kleines Mädchen kam hinter einer schlecht gehaltenen Hecke hervor; die Füßchen der Kleinen traten leicht und lautlos, obgleich sie einen Jungen auf dem Arm schleppte, dessen dicker Kopf größer war als der ihre.

Der Junge greinte, als der Fremde auf sie zutrat. »Kinder, wo wohnt denn der Herr Bürgermeister?«

»Still, bis still, Doresche,« flüsterte die Kleine und drückte den dicken Kopf des Jungen mit der Zärtlichkeit einer Mutter an ihren Hals. Dann hob sie die Augen zu dem Herrn.

Josef war ganz überrascht von dem Blick dieser sanften schwarzen Augen. Wo hatte er solch ähnliche nur schon einmal gesehen? Er konnte sich nicht entsinnen. »Nun, Kleine?« sagte er freundlich und klopfte ihr das blasse Bäckchen.

Die Kleine wurde rot. »Bis still, Doresche, bis still!« Und dann sagte sie leise, wie zur Entschuldigung: »Der Bruder ist nicht an Fremde gewöhnt. Und er ist immer krank!« Sie mühte sich, hochdeutsch zu sprechen, jeden Konsonanten scharf betonend, besonders das »r«; fast fremdartig mutete dadurch ihre Sprache an, fremdartig wie ihre ganze Erscheinung.

Was für ein schönes Kind, feingliedrig und zart, nicht so, wie die Kinder aus anderen Dörfern! Josef betrachtete sie mit Interesse. Auch der Junge war nicht häßlich trotz seines dicken Kopfes; er wäre hübsch gewesen, wäre ihm nicht der Speichel über die hängende Unterlippe geflossen und hätten seine Augen nicht so glanz- und verständnislos geblickt. »Was fehlt denn deinem Brüderchen?« fragte er. Der Junge war wohl blöde? Schlaff hingen die welken Hände an der Schwester Hals; er mußte dem zarten Kinde eine fast unerträgliche Last sein. »Ich will dir den Jungen tragen. Wo willst du denn hin?«

Aber die Kleine schüttelte den Kopf. »Nee. Der Dores geht nicht bei fremde Leute. Ich will Euch zeigen, wo Ihr gehen müßt. Der Dores ist mir nicht zu schwer!« Sie schritt leichtfüßig vor ihm her, verstohlen den greinenden Bruder tröstend.