Josef hielt sich dicht hinter ihr. Unverzagt schritt sie aus; ihr Köpfchen mit dem hellen Kattuntüchelchen, unter dem sie das Haar verborgen trug, schmiegte sich bald links, bald rechts an den dicken Kopf. Wie eine Klette hing ihr der Junge am Halse; sie schleppte sich redlich. »Wie weit ist es denn noch?« fragte Josef ungeduldig; ihn dauerte die Kleine. »Sage mir nur, wo es ist, ich finde mich schon hin!«

»Ich gehe auch dorthin,« sagte sie verschämt, und ein leicht schelmisches Lächeln erhellte ihr ernsthaftes Gesichtchen.

Er war ganz entzückt. Wenn sie nur mehr plaudern wollte! Er machte sich an ihre Seite. Sie hatten wohl noch einen weiten Weg, das Dorf war ja endlos lang? Aber es gelang ihm nicht, viel aus ihr herauszubekommen; nur, daß der Dores, wie er noch ganz klein gewesen war, schon die Krämpfe bekommen hatte, und daß er nun schon sieben Jahre war, aber noch immer nicht in die Schule gehen konnte. Auch daß Vater schon einmal und die Mutter schon zweimal bitten gegangen waren nach Mariawald.

»Betest du auch für ihn?« fragte er.

»Ja!« Sie nickte wichtig. »Ich gehe alle Sonntag zur Maria im Stein nach der Ley. Aber –« sie seufzte auf, und ihr Hochdeutsch vergessend, sagte sie tief errötend: »Et notzt nühst!«

Er lachte auf; das klang so komisch. Komisch und rührend zugleich. Er wollte sie streicheln, aber sein Lachen hatte sie scheu gemacht; nun sprach sie auch nicht mehr. Eiliger als zuvor lief sie wieder vor ihm her, bis sie die hohe Hecke gegenüber der Kirche erreicht hatten, die schönste Hecke in ganz Heckenbroich. Da drehte sie sich um und nickte bedeutsam, und verschwand dann so rasch hinter der Hecke, daß er nicht einmal Zeit hatte, ihr die Groschen, die er ihr geben wollte, ins Händchen zu drücken.

Er stand vor Bürgermeister Leykuhlens Haustür. Das angelehnte Gadder aufstoßend, trat er in den Flur, der dunkel war wie in allen Häusern. Aber nun öffnete sich eine Tür im Hintergrund, im schmalen Lichtstreif stand eine schlankgewachsene Frau: »’n Abend!«

Er nahm den Hut ab: aha, das war wohl die Frau Bürgermeister, das Mariechen?! Er glaubte sie nie früher gesehen zu haben.

Sie aber kannte ihn. Freundlich reichte sie ihm die Hand: »Mein Mann is noch nit zurück. Aber die Sitzung muß jleich aus sein. Bitte, treten Sie so lang als ein, Herr Schmölder! Nehmen Sie so lang als Platz!«

Sie führte ihn in die Stube und bot ihm einen Sitz auf dem Ledertuchsofa an, über das sie zuvor rasch mit der Schürze wischte. Das wäre nicht nötig gewesen; es war so sauber in der Stube, trotz des Dämmerlichtes blinkten Stühle und Tisch und Schrank und Kommode wie neupoliert. Bunte Tassen und Väschen standen auf der Kommodendecke. Vor der kleinen Statue der Muttergottes über der Stubentür brannte hinter rotem Glas das ewige Lämpchen. Am Spiegel steckten geweihte Palmzweige. Beim Fensterplatz, wo der Nähtisch stand, hing ein porzellanenes Weihwasserkesselchen, und überm Sofa, breit eingerahmt, in schwarzer Seide und Perlen gestickt: