»Nein, Frau Bürgermeister« – er warf einen raschen Blick durchs Fenster – »es wird mir sonst zu dunkel.«
»Aber ’n Jläsche Wein – nee, Sie müssen doch ’ne Schluck trinke!« Sie nötigte ihn; sie hatte eine Flasche unterm Arm mit hereingebracht und auf einem Tablett ein paar Gläser.
Aber er nahm nichts an, er wollte auch nicht länger mehr warten. »Ich komme wieder, ich komme bald wieder, grüßen Sie den Bärtes einstweilen vielmals!« Er drückte ihr die Hand.
Und nun war er draußen. Es war ihm auf einmal eng geworden in der dämmerigen Stube. Nun das kleine Mädchen mit den tiefdunklen Augen fort war, fehlte ihm der poetische Anreiz. Eine nette Frau, das Mariechen, nett, sauber, aber nüchtern wie ihre wohlgeordnete Stube mit dem vielen heiligen Krimskrams drin! Huesgen, – Huesgen, wo hatte er doch den Namen schon einmal gehört? Huesgen –? Er konnte sich nicht entsinnen.
Es war schon spät. Unten in der Stadt war es sicher schon ganz dunkel, wenn hier oben der Himmel auch noch einiges Licht spendete. Alles – die Viehweiden mit den vereinzelt ragenden Hainbuchen, die Dachgiebel, die Hecken, die gepflasterte Straße, die Kirche, die Schule, das Wirtshaus – war von silbrigem Grau umzittert. Nur ein Hauch noch von zartem Rosenrot war in diesem Silbergrau; bald würde alles Licht tot sein. Doch da – unwillkürlich hatte er sich nach der Richtung umgedreht, aus der er vorhin gekommen war – wie wunderbar! Da brannte es. In höchster Glut. Als sei das Venn ein Meer von Glanz und Farbe, das den Sonnenball in sich geschluckt hatte und nun selber eine Quelle des Lichts war. Der Horizont, der seinen Scheitel begrenzte, glühte tiefrot. Wie Flammen leckten feurige Zungen in den bleiernen Nachthimmel hinauf. Ein Glanz kam von dort her, eine Farbenpracht, daß jetzt die Dorfstraße mit ihrem Grau von Steinen und Staub zum rosigen Band wurde und die weiße Wand der kahlen Kirche wie ein Spiegel den Vennglanz auffing und widerstrahlte.
Vom Blut des Abends getränkt, erschien alles verklärt. Frommen Pilgern gleich zogen Männer und Frauen des Weges. Das waren die müden Arbeiter und Arbeiterinnen, die jetzt nach Hause kamen aus Schmölders Fabrik. Die Tür der Kirche stand weit geöffnet; von der Straße aus sah man die glimmende Lampe vorm Hochaltar. Die Männer zogen die Hüte; von den Weibern aber wäre keines vorübergegangen. An ihren Strümpfen unablässig strickend, waren sie bergan gestiegen, nun ruhten die rasselnden Nadeln, dafür wurden die Rosenkränze aus den Taschen gezogen. Die Kügelchen rollten. Müde, hungrige Gesichter neigten sich über gefaltete Hände. Es war schon spät, dunkel war’s auch schon in der Kirche, die Mägen knurrten, aber ein paar Ave oder ein Vaterunser mußten hier doch noch gebetet werden.
Des Huesgen-Jörres Bäreb war als Letzte in die Kirche getreten. Langsamer als die anderen war sie bergan gegangen; die Füße waren ihr dick; sie hatte die ganze Nacht zu waschen gehabt, beim ersten Sonnenstrahl schon hatte sie aufgehängt; und dann, ohne das Bett zu berühren, das sie mit dem Kathrinchen und dem zweijährigen Drückchen teilte, war sie zur Fabrik hinuntergegangen, als der Tau noch gefroren die Gräser bereifte und es sie eisig durchfröstelte nach durchwachter Nacht. Brennend hatten ihre Augen nach Schlaf verlangt den ganzen Tag. Während die andern Mittagszeit machten, ihr Brot verzehrten und von ihren Liebsten sich was erzählten, hatte sie sich zwischen den Lumpensäcken lang hingestreckt. Sie mochte nicht essen, und von einem Liebsten zu erzählen hatte sie auch nichts.
Die junge Bäreb hatte noch keinen Schatz. Was erzählten die andern nicht alles in diesen langen Stunden, die man zusammenhockte bei der Arbeit, zu der man nicht Herz und Gedanken, kaum Sinne brauchte, nur die Finger. Die Anna von der Lämmerheck, die war voller Jubel; der ihr Schatz kam jetzt bald frei vom Militär, dann wollten sie heiraten. Und die Angenieß, deren Bruder als Hausknecht unten im Schwan diente, – Jesus, was wußte die nicht alles zu erzählen! Erst leise kichernd und dann vor Lachen fast berstend, hörten die Mädchen zu, was die Angenieß von der Madam für Stückchen erzählte. »Ba!« stieß dann die Bäreb wohl heraus und wandte die Augen ab. Ein glühendes Rot der Scham und des Schrecks färbte ihr bleiches Gesicht: was, der Herr hier, der Herr Schmölder selber ging auch zu der Madam? Das war nicht fein! Und doch durchrieselte es sie von Kopf bis zu den Füßen mit einem seltsam heißen, unruhigen Fluten. Mit zitternden Händen mechanisch ihre Arbeit tuend, blickte sie starr auf diese, und ihre Lippen, die sie sich blutrot gebissen hatte, zuckten wie von verhaltenem Weinen. Gut, daß die Angenieß dann mit der Litanei anhub:
»Heiliges Herz, Mariä,
Herz Mariä, ohne Sünde empfangen –«