und sie dann alle murmelnd einzufallen hatten:

»Bitte für uns!«


Mit einem Seufzer sah Bäreb von ihrem Rosenkranz auf – die Kirche war leer. Nun war auch sie fertig. Den Rock herunterstreifend, den sie zum Knieen vorn aufgeschlagen hatte, tunkte sie die Finger in den Weihwasserkessel an der Tür, betupfte sich Stirn und Brust und trat dann hinaus.

Draußen war alles Rot erloschen; nur ein gelblicher Streifen über der purpurnen Finsternis des Venn-Rückens kündete, daß es noch nicht tiefe Nacht war. Sonst war es dunkel. Keine Laterne brannte die lange Dorfstraße auf und ab. Fast wäre die verspätete Beterin in ihrer Eile gegen eine Männergestalt gerannt, die auf den Kirchstufen stand, unbeweglich, den Kopf zum Venn hingewendet. Sie prallte zurück. »Hoppla!« hatte der Mann gesagt und eine Bewegung gemacht, als wolle er sie auffangen. Sie bekam einen großen Schreck.

Josef Schmölder war es. Er, der so rasch hatte heimgehen wollen, hatte sich erst überm Anblick des Sonnenuntergangs verzögert, und dann hatte er sich nicht losreißen mögen von den leisen Stimmen der Nacht, denen zu lauschen er hier auf den Stufen stehengeblieben war. Die Schwalben, die unterm Dach der Kirche Nest bei Nest angekleckst hatten und mit immerwährendem jauchzenden Abendschrei ihre Wohnstätten umsegelten, schwiegen jetzt; dafür ließen die Unken ihre Stimmen hören. Hier unter den großen Steinplatten vor der Kirchtür mußte die eine sitzen und drüben am Kirchhof die zweite. Sie antworteten sich unausgesetzt. Wie das leise Anschlagen eines silbernen Glöckchens hörte es sich an. Lieblich und doch in seiner Monotonie wehmütig. Warum klagten die Tierchen so?!

Josef war nicht minder erschrocken als das Mädchen, das gegen ihn anlief. Zwei schwarze Augen blickten ihn an – er sah sie ganz deutlich in einem plötzlichen Mondstrahl – und nun schob der Mond völlig das Nachtgewölk beiseite, das ihn bis jetzt verdeckt hatte, kalt und klar stand er mit einemmal über dem Kirchhof, die einzel-ragenden Bäume mit ihren wehenden Schöpfen kitzelten ihm das rundliche Gesicht.

Ei – Josef blickte in ein verlegenes, ihn scheu anlächelndes Mädchenantlitz – war das nicht das Mädchen, für dessen Mutter er damals den Doktor heraufgeholt hatte?!

Auch Bäreb erkannte den Herrn wieder, dessen sie so oft im Gebet gedacht hatte. Wie oft hatte sie danach verlangt, ihm sagen zu können: »Unser Herrjott jeb Uech der Lohn!« Ihre Schüchternheit überwindend, streckte sie ihm die Hand hin; sie schüttelte ihm die seine fast aus dem Gelenk. Und dann wurde sie rot über die eigene Kühnheit und wußte nicht mehr, wie loskommen. Sie hielt noch immer des Herrn Hand gepackt, ihre Augen, zutraulich und doch scheu, guckten auf zu ihm mit einer gewissen Andacht: ach, wäre der damals nicht hinuntergelaufen so geschwind und hätte den Doktor heraufgeschickt, wer weiß, die Mutter wäre damals sicher gestorben!

Josef lächelte; nun wußte er auf einmal, an wen des Kathrinchens Augen ihn erinnert hatten. »Du,« sagte er und hielt die arbeitsharte Hand fest, »sag mal, hast du eine Schwester, die Kathrinchen heißt?!«