Sie hob den Kopf und sah ihn einen Augenblick an: mit was war es denn ein Skandal? Sie wußte nicht genau, meinte er damit seinen jetzt ständigen Ärger mit dem Landrat, oder seinen Ärger mit den Gemeindeältesten, oder ärgerte ihn draußen das Wagenrollen und Hufegeklapper auf der früher stets so sonntäglich-stillen, nur zur Zeit des Hochamts- oder des Vesperläutens belebten Straße?!
Eben rasselte schon wieder ein Wagen vorüber, er streifte fast die Hecke.
»Dat Fraumensch!« Der Bürgermeister fuhr vom Sofa auf. »Zapperlot, sind se denn all jeck?«
Seit das Lager oben voller Militär lag, war dieses Vorbeirasseln des Bürgermeisters steter Ärger. Was ging es ihn an, wenn die Herren sich unten volltranken und ihre Taler ausgaben, als wären es Pfennige?! Aber das wurmte ihn, daß hier im Lande Eine sich finden ließ, die den Herren so gefällig war, daß die es sogar riskierten, sich die Hälse zu brechen, wenn sie toll und voll durch die Nacht heimritten oder -fuhren. Leykuhlen lachte zornig auf: das fehlte noch, daß sich noch mehrere fänden, die es der da unten nachmachten! Ach ja – er seufzte – es war leider nicht mehr so wie früher! Im Rücken die Sträflingskolonie – von der einen Seite das Lager – von der anderen die Helene – eine böse Umzingelung für Heckenbroich! Daß der Teufel alle miteinander hole!
»Du mußt nit eso auf dat Lenche kiefe, Bärtes,« sagte die Frau. »Janz allein is dat nit schuld. En lustige Flieg war die als in der Schul. Aber hätten wir dat Lager nit herjekriegt, so wär dat doch nit mit ihr jeworden. Dat Militär is dran Schuld. Unsren Mädcher kucken se auch als nach. Un die?! No, du sollst emal sehen, wat dat is, wenn die Soldaten hier langs kommen! Alles am Tor! Un die Kerls lachen und pfeifen und werfen Kußhändcher, un uns Mädcher machen ’ne Hals – eso lang! Du mußt et dem Herr Pastor sagen, dat de ens davon predigt. Wo Militär hinkommt, da is auch leicht Malheur!«
»No, Marieche! Hätten wir den Militärübungsplatz nit hier oben und nit dat viele Jeld für unser Land jekriegt, wir hätten auch unsre neue Kirch nit bauen können, unsre schöne neue Kirch. Dat war uns ja, wie ’ne Jnad von Jott, dat viele Jeld. Un da hat jeder jern jejeben für den heiligen Zweck – aus freien Stücken, aus Dankbarkeit. Un wat mein Vater sich immer jewünscht hat, un wat er immer zu mir jesagt hat, als ich noch ’ne dumme Jung war – ›En neue Kirch, et is en Schand, dat wir noch kein neue Kirch han!‹ – un wat dein Vater, unser alter Bürjermeister, anjestrebt hat zeit seines Lebens, dat hat sich nu realisieren lassen, dat haben wir jetzt!« Er war über dem Sprechen rot geworden in einer freudigen Erregung.
Ja, freilich, die Kirche war schön, die war ein Werk, auf das man stolz sein konnte. Weit hinein ins Land ragte sie, ein stolzer Dom, stattlicher als manche Stadt sie aufwies, aber – ein leichtes Sinnen ging über der Frau Gesicht – hatte man denn nicht auch in der alten und kleinen Kirche gut beten können? Sie stand auf und legte mit einem Lächeln ihrem Mann die Hand auf die Schulter: »Bärtes, wenn ich drüber nachdenk, die heilige Jungfrau, die Heiligen all haben uns auch in der alten Kirch gehört!«
Da sah er sie ganz bestürzt an: das sagte Mariechen?! Die kam ja bald mit dem Landrat überein, der ihm immer und immer zu hören gab, wieviel vernünftiger es gewesen wäre, lieber eine Wasserleitung zu bauen, eventuell ein Krankenhaus oder anderes Gemeinnütziges. Er lachte bitter auf: »Für das viele Geld!« sagte der Landrat! Gelangt hatte das Geld doch nicht, Schulden waren doch noch übrig geblieben vom Kirchenbau. Aber Strich darunter und gesehen, wie man die Schulden abgezahlt kriegte mit der Zeit! Er ärgerte sich heut fast zum ersten Mal über sein Mariechen: wie konnte sie so etwas Dummes sagen?!
Er verließ die Stube und ging eilenden Schritts über den Kirchplatz hinüber zum Pastorat. Beim Pastor, hinter der dicken Mauer, hörte man das verdammte Wagengerassel nicht so. –
Nicht nur zu Wagen und zu Pferd, auch zu Rad und zu Fuß kamen die Herren vom Platz die lange Dorfstraße herunter. Man mußte hinunter, auf jeden Fall, es war zum Blödsinnigwerden oben auf der Heide; rein stumpfsinnig wurde man bei dem steten Einerlei. So viel man auch schon vom Truppenübungsplatz hatte munkeln hören, so trostlos hatte man es sich doch da nicht vorgestellt. Das war ja ein Sibirien, eine Verbannung. Nichts als Venn, endloses Venn, Moor und Himmel. Und die Mädchen, die man ab und zu bei Ritten durch das Dorf vor Augen bekam, waren blöd und unzugänglich, stupide Kreaturen. Ein Glück nur, daß die lustige Witwe unten auf einen guten Keller hielt und auch auf die nötige Laune. Sie setzte zwar etwas reichlich an, mit der Zeit würde sie recht fett werden, auch konnte sie mitunter fast lästig sein in ihrer Liebenswürdigkeit, aber –! Wenn die Helene nicht wäre, weiß Gott, man hätte sich aufhängen können am krummen Ast. Ein Teufelsweib, so blond sie war, und so naiv sie auch tat! Achtung, sonst kam man ihr nicht wieder aus den Krällchen!