Egon von Scheffler gab dem kleinen Abeking einige Verhaltungsmaßregeln. Sie hatten sich zusammen mit einem Stabsarzt und mit einem Leutnant, dem Abkommandierten Schmidt von den Deutzer Kürassieren, das Break vom Wirt an der Bahn gemietet; sämtliche Krümperwagen waren längst voraus vergriffen gewesen. Der Wirt würde zwar wieder gehörig schinden – oh ja, es kam heute schon was zusammen mit der Rechnung bei Helenchen, aber – na, man mußte den Leuten doch was zu verdienen geben! Nicht nur Manieren, auch Geld brachte man in diesen entlegenen Erdenwinkel. ›Das Militär ist ein Hauptfaktor der Zivilisation!‹ Exzellenz hatte das neulich in seiner Rede beim Liebesmahl im Kasino sehr energisch betont.

Abeking hatte anfänglich ein wenig beklommen dagesessen, er hatte weder soviel Geld wie der reiche Schmidt, der Sohn eines Großindustriellen, noch war er so leichtlebig wie der Adjutant von Scheffler. Aber die Sonne schien hell, Sonntag wars, und man konnte sich doch nicht gut ausschließen, wenn die so viel älteren Kameraden aufforderten. Und dann – zwar hätte ers sich nicht einmal eingestanden – sein Herz klopfte, wenn er des schönen Weibes im Weißen Schwan gedachte. Es verdroß den jungen Leutnant immer, wenn er die anderen in so leichtem Ton von ihr sprechen hörte. Der Respekt verbot ihm, ihnen über den Mund zu fahren, aber, weiß Gott, kalten Blutes hätte er Scheffler zuweilen niederknallen können, respektloser konnte man ja von einer Viehmagd nicht reden! Wenn ihnen Helene nicht salonfähig erschien, warum rannten sie denn alle hin?! Mochten sie doch wo anders hingehen und ihm das Feld allein überlassen!

»Warum starren Sie denn so finster drein, Abeking?« fragte Scheffler und lachend sagte der Kürassier: »Er ist schon eifersüchtig!«

»Keine Spur!« Der junge Leutnant bemühte sich, das ganz ruhig zu sagen, aber er warf die Lippen auf wie ein schmollender Knabe. Die beiden Gewitzten lasen ihm die Gedanken vom Gesicht ab wie aus einem offenen Buch. Heiliges Kanonenrohr, Abeking war wirklich ernsthaft in die Helene verliebt. Wie finster er immer die Brauen zusammenschob, wenn von ihr die Rede war, und Blicke schoß er, die Dolchstößen gleichkamen!

Nun machten sie sich ein Vergnügen daraus, immer wieder und wieder von Helenchen zu reden. Alle die Liebhaber, die sie schon gehabt hatte, – Militär und Zivil, – wurden der Reihe nach aufgezählt. Der Stabsarzt hatte auch zu ihnen gehört; jedenfalls ließ er sich’s ruhig gefallen, als man in der langen Reihe auch seinen Namen nannte, und widersprach nicht. Hier oben war wenigstens das eine Gute: hier, fern aller Zivilisation, brauchte man sich nicht den gleichen Zwang auferlegen, wie anderswo.

»Abeking,« schrie Scheffler laut, um sich im Rasseln der Räder, die mit einem furchtbaren Lärm über die schlechtgepflasterte Dorfstraße rollten, verständlich zu machen, »nichts für ungut, einen famosen Geschmack haben Sie aber doch entwickelt! Beichten Sie mal, wie weit sind Sie denn mit ihr gekommen? Schreibt sie Ihnen auch schon Briefchen? Vorigen Sommer, der Radebruk, konnte ein paar Dutzend aufweisen!«

»Radebruk – Radebruk?!« stammelte der Eifersüchtige nach und sah wild um sich.

»Ja wohl, Radebruk, Hauptmann von Radebruk! Sie wissen doch, der bei den Saarlouiser!«

»Der –?« Abeking atmete erleichtert auf. »Der ist ja verheiratet!«

»Na, wenn schon!« Scheffler brach in ein Gelächter aus, und dann wechselte er mit den anderen beiden Herren Blicke: oh diese Unschuld! Aber sie sagten nichts mehr, kränken wollten sie den jüngeren Kameraden denn doch nicht.